Neue Dichtung.
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Universität im Jahre 1736 hat er außer Gelegenheitsdichtungen
fast nur noch das Gedicht auf den Tod seiner ersten Gattin
Marianne, der geliebten Doris, verfaßt: freilich die herrlichste
wohl und jedenfalls die unter den Zeitgenossen berühmteste
seiner Schöpfungen.
Hallers Jugendgedichte sind hier und da von Lohen⸗—
steinschem Schwulste nicht frei; Haupterzieherin zu eigenartiger
Dichtung in hochdeutschem Gewande aber wurde ihm die dia⸗
lektische Sprache seiner Heimat; ihr zum großen Teile hat er
den hohen Glanz und die wunderbare Gedrungenheit seiner
Dichtung abgerungen. Daneben haben auch die Alten, ins—
besondere Virgil, sowie die Engländer eingewirkt. England
hatte er, ein Schüler Boerhaaves in Leiden, auf der Rückreise
von Holland, die ihn über London und Varis führte, persön—
lich kennen gelernt.
Haller ist kein Dichter mehr nach der handwerklichen Auf⸗
fassung des ausgehenden individualistischen Zeitalters;
Aus Reimern, deren Schwung die Erde nie verlor,
Stieg Haller einst mit Adlersflug empor
konnte mit Recht sein Göttinger Kollege Kästner, der schlag—
fertige Epigraphiker, von ihm sagen. Er gehörte zu den ersten
Auserwählten, die nur dann dichteten, wenn übervolle Emp—
findung sie drängte. Darum ist seine Lyrik einfach und gegen—
ständlich und greift noch heute ans Herz.
Komm, Doris, komm zu jenen Buchen,
Laß uns den stillen Grund besuchen,
Wo nichts sich regt als ich und du!
Nur noch der Hauch verliebter Weste
Belebt das schwache Laub der Aste
Und winket dir liebkosend zu.
In diese subjektive Gefühlsunmittelbarkeit seiner Dichtung
eröffnet Haller selbst den tiefsten Einblick, wenn er in seiner
Totenklage um Marianne ausruft:
Nicht Reden, die der Witz gebieret,
Nicht Dichterklagen fang' ich an;
Nur Seufzer, die ein Herz verlieret,
Wenn es sein Leid nicht fassen kann—