Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Die Verse zeigen zugleich, daß Haller sich in seiner An— 
schauung poetischen Dranges unter den Dichtern seiner Zeit noch 
einsam fühlte: und so machte er auch noch, wenn auch innerer 
Begabung wenigstens teilweise folgend, der Zeitauffassung das 
Zugeständnis, daß der Dichter nicht selbstherrlich sein dürfe, daß 
die Dichtung als moralisches Besserungsmittel auch nützlich zu 
wirken habe. Daher wurde er bei allem Neuen, das seine 
Gelegenheitsgedichte zeigen, doch zum Vertreter vor allem des 
Lehrgedichtes: die Didaktik erschien ihm, soweit ihm gelehrte 
Studien noch Muße zum Dichten ließen, als die Form, in der 
alle Dichtung gipfle. In der Tat hat er denn auf diesem Ge— 
biete Hohes erreicht. In seinen „Alpen“, einem beschreibenden 
Gedichte, das der Welt zum erstenmal die Reize der Schweizer⸗ 
berge malte und deren natürliche Szenerie durch menschliche 
Sittenbilder voll innigen Gefühls belebte, wie in seinen poli— 
tischen und seinen philosophischen Gedichten herrscht bei aller 
Gedankentiefe eine Umsetzung des Abstrakten in das körperlich 
Faßbare, waltet eine eindringliche Kürze, ein gedämpfter Glanz 
und ein gesättigtes Kolorit der Sprache, wie sie, gepaart mit 
würdigster Empfindung, in deutscher Zunge nur selten gehört 
worden waren: wir stehen in den Vorhallen der Sprache 
Klopstocks und werden schon mehr als einmal an die Sprach— 
gewalt der philosophischen Dichtungen Schillers erinnert. Mit 
wie erhabener Wucht schlagen Verse an unser Ohr, wie die 
folgenden aus dem Gedicht über die Ewigkeit: 
Als mit dem Unding noch das neue Wesen rung 
Und, kaum noch reif, die Welt sich aus dem Abgrund schwung, 
Eh' als das Schwere noch den Weg zum Fall gelernet 
Und auf die Nacht des alten Nichts 
Sich goß der erste Strom des Lichts, 
Warst du. so weit als itzt. von deinem Quell entfernet. 
Es ist der Zug eines ernsten Gemütes, den selbst die Laute 
schon der schwer fallenden Zeilen erkennen lassen; wie ein 
Barockgemälde erscheint die Dichtung. Doch nicht rückwärts 
bei allem Altväterlichen, vorwärts vielmehr war ihre Sprache, 
war ihr Inhalt gewandt. Hinaus führte sie aus den leichten
	        
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