Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
419 
Rokokotändeleien Mittel- und Norddeutschlands!, und ihre noch 
nicht voll entwickelte, doch schon durchaus geahnte Großheit 
wie ihr trotz aller Lehrhaftigkeit subjektiv atmender Inhalt ließ 
die Linien einer neuen Kunst ahnen, die um die Mitte des 
18. Jahrhunderts mit fast urplötzlicher Gewalt durch Einen 
Dichter, Klopstock, in die Zeit ihrer ersten Vollendung trat. 
Klopstock (1724 -1803) ist einer unserer größten Lyriker 
und jedenfalls der größte Lyriker der Empfindsamkeit gewesen. 
Wo ihn nicht die Verworrenheit der schweizerischen Theorien 
unübersichtlich macht, und wo er sich nicht Gesetzen der antiken 
Dichtkunst beugt, die deutscher Sprache und deutschem Sinne 
widerstehen, da erreicht er innerhalb der Grenzen seiner Zeit 
auf jedem Gebiete fast lyrischen Schaffens das Höchste. Wie 
wunderbar einschmeichelnd in ihrer vollendeten Anmut sind 
seine Naturschilderungen; wie weiß er da mit wenigen konkreten 
Zügen ein ganzes Bild in seinen weichen Umrissen hinzuzaubern! 
Wer empfindet nicht die stille Poesie der buchenbewaldeten Ostsee— 
landschaft in der Schilderung Friedensburgs: 
Auch hier stand die Natur, da sie aus reicher Hand 
über Hügel und Tal lebende Schönheit goß, 
Mit verweilendem Tritte, 
Diese Täler zu schmücken, still. 
Sieh den ruhenden See, wie sein Gestade sich, 
Dicht vom Walde bedeckt, fanfter erhoben hat, 
Und den schimmernden Abend — 
In der grünlichen Dämmrung birgt. 
1Haller war sich des Gegensatzes in vieler Hinsicht wohl bewußt. 
Man lese die merkwürdigen Sätze, in denen er seine Dichtung mit der des 
in gleichem Jahre mit ihm geborenen Hagedorn vergleicht: „Hagedorn 
dichtete Lieder, darin er die Liebe und den Wein besang, und die die 
ersten waren, die man in Deutschland den Liedern der Franzosen an die 
Seite setzen durfte. Die Fröhlichkeit und die Kenntnis der Welt breitet 
über alle Gedichte, auch über die Lehrgedichte meines Freundes eine Heiter— 
keit aus, wodurch er sich dem Horaz nähert und den Boileau übertrifft. 
Was bleibt mir dagegen? Nichts als die Empfindlichkeit. Diese Empfind— 
samkeit, wie man sie zu nennen anfängt, gab freilich meinen Gedichten 
einen eigenen schweren Ton und einen Ernst, der sich von Hagedorns
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.