Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

422 Zweiundzwanzigstes Buch. 
haus waren Stätten des Pietismus gewesen; tief bewaährten 
die Gegenden Mitteldeutschlands, denen seine Gymnasialzeit 
zu Schulpforte, seine Studentenzeit zu Leipzig und Jena an— 
gehörte, neben allem frohen Naturell des Thüringers und des 
Thüringen entsprossenen Sachsen, den Schatz jenes Gefühls— 
christentums, den vor allem Francke in Halle gesammelt hatte; 
und gerade für Klopstock ist er eine Gabe für immer gewesen; 
fromm blieb er doch stets der Orthodoxie und den „schwatzenden 
Predigern“ fern. So vollzog sich denn in dem Dichter die 
klassischste aller Verschmelzungen pietistischer und empfindsamer 
Stimmung. 
Und dazu kam noch, um sein Christentum ganz zu einem 
erhöhten Gefühlschristentum zu machen, der pantheistische Ein— 
schuß, der keinem großen Poeten gefehlt hat: 
Mit heiligem Schauer 
Brech' ich die Blume ab;' 
Gott machte sie, 
Gott ist, wo die Blume ist. 
Mit heiligem Schauer fühl' ich der Lüfte Wehn, 
Hör' ich ihr Rauschen: er hieß sie wehn und rauschen 
Der Ewige. Der Ewige 
Ist, wo sie fäuseln, und wo der Donnersturm die Zeder stürzt. 
Und niemals setzte sich bei ihm der pantheistische Hang 
in klaren Ausgleich mit den Offenbarungslehren des Christen⸗ 
tums; vermutlich häufig genug, jedenfalls noch im reifen Alter 
hat der Dichter der Messiade mit religiösen Zweifeln zu kämpfen 
gehabt. Und so blieb ihm denn ein ewig unbefriedigter, an sich 
schon stimmungsvoller Drang zum Verständnis des Glaubens. 
Wer leitet mich hinauf, rief er wohl in schmerzlicher Sehnsucht, 
Zu den ewigen Hügeln? 
Ich versink', ich versinke, geh' unter 
In deiner Welten Ozean! 
Und ein andermal grübelt er: 
Wesen der Wesen, 
Du warest von Ewigtkeit! 
Dieses vermag ich nicht zu denken: 
Im diesen Fluten versink' ich.
	        
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