Neue Dichtung.
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Wo solche Stimmungen länger währen, pflegt sich ein
auch sonst dem Christentum nicht eben fernstehender Pessimis—
mus einzustellen. In der Tat gehört Weltschmerz im Sinne
einer leisen, still tränenvollen Melancholie zu den Grundzügen
der Klopstockschen Muse. So kann der Vierundzwanzigjährige
in dem Jahre, da ihn die ersten Gesänge der Messiade mit
Einem Schlage berühmt machten, entsagend dichten:
Rinn' unterdes, o Leben! Sie kommt gewiß,
Die Stunde, die uns nach der Zypresse ruft!
Ihr andern, seid der schwermutsvollen
Liebe geweiht und umwölkt und dunkel!
Der schwermutsvollen Liebe! Die Worte deuten, neben
den religiösen Stimmungen, die andere Seite im Wesen Klop⸗
stocks an, die ihn zum Helden der Empfindsamkeit gemacht
hat. Über seine jungen Jahre, die Zeiten, da er viel be—
deutete, breiten sich die Fittiche verliebter Melancholie. Im
Jahre 1748 meldet der kräftige Jüngling, ein flotter Turner,
Reiter, Schlittschuhläufer, indem er sich als Abgeschiedenen
sieht, sein Schicksal in den gefühlsseligen Versen:
Als ich unter den Menschen noch war, da war ich ein Jüngling,
Weiblich und zart von Gefühl,
Vanz zur Empfindung der Liebe geschaffen. So zärtlich und fühlend
War kein Sterblicher mehr.
Also sah ich ein göttliches Mädchen; so zärtlich und fühlend
War keine Sterbliche mehr.
Aber ein unerbittliches Schicksal, ein eisernes Schicksal
Gab mir ein hartes Gesetz,
Ewig zu schweigen und einsam zu weinen. So zärtlich und elend
War kein Sterblicher mehr.
Wie diese Verse sich auch zur Wirklichkeit stellen — wir
sind weit davon entfernt, hier die Einzelheiten einer Biographie
Klopstocks zu entrollen! —: Klopstock scheint immerhin einer
der Ersten jener merkwürdigen Menschen gewesen zu sein, die
an einer der bezeichnendsten Modekrankheiten der empfindsamen
Vgl. O. Rüdiger, Karoline Rudolphi, 1903.