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Zweiundzwanzigstes Buch.
Zeit litten, an der Schwärmerei für eine nur in Gedanken
lebende Geliebte. Er, der überzeugt war, daß Gott die Seelen
„fühlender und für einander“ geschaffen habe, der sich in seinem
praktischen Pessimismus als „Geweihter des Schmerzes“ vor⸗
kam und doch zugleich als eine „Seele, zur Freundschaft er⸗
schaffen“; er sucht auf dieser Erde nach dem ihm unbekannten
weiblichen Wesen, das ihn ergänze: und er „weint nach ihrer
Umarmung hin“.
Wir verdanken der unerhört bleibenden Liebe Shakespeares
zu einem Weibe den vielleicht wunderbarsten, duftendsten
Sonettenkranz der Weltpoesie voll unendlicher Variationen einer
Anspielung auf den sinnvollen Zweck menschlicher Liebe. Wie
heben sich von diesen Weltkindern die tränenvollen Strophen
Klopstocks ab, die er in immer erneutem Ansturm des Gefühls
der großen Unbekannten weiht:
Ach, warum, o Natur, warum, unzärtliche Mutter,
Gabest du zum Gefühl mir ein zu biegsames Herz
Und in das biegfame Herz die unbezwingliche Liebe,
Dauernd Verlangen und, ach, keine Geliebte dazu?
Und du, o Freundin, die du mich lieben wirst,
Wo bist du? Dich sucht, Beste, mein einsames,
Mein fühlend Herz, in dunkler Zukunft,
Durch Labyrinthe der Nacht hin sucht's dich!
Aber nirgends ist diese Geliebte zu finden.
Soll ich jene Gefilde nicht sehn? Führt nie dort im Frühling
Meine zitternde Hand fie in ein blühendes Tal?
Sinkt sie, von süßer Gewalt der mächtigen Liebe bezwungen,
Nie mit der Dämmerung Stern mir an die bebende Brust?
Ach, wie schlägt mir mein Herz! wie zittern mir durch die Gebeine
Freud' und Hoffnung, dem Schmerz unüberwindlich, dahin.
Unbesiegbare Lust, ein süßer begeisternder Schauer
Eine Träne, die mir still den Wangen entfiel,
Und — d, ich sehe sie — mitweinende, weibliche Zähren,
Ein nur lispelnder Hauch und ein erschütterndes Ach,
Ein zusegnender Laut, der mir rief, wie ein Schatten dem Schatten
Liebend ruft, weissagt, dich, die mich hörete, mir.