426 Zweiundzwanzigstes Buch.
schließlich, die zerfließenden Schemen der germanischen Götter⸗
welt, Personifikationen mehr von Eigenschaften und Begriffen,
als eigenlebige, heiter sich dargebende, wohlig sich ausbreitende
Geschöpfe sinnlicher Bildungskraft.
Und wie weiß er die Sprache, in der diese Gestalten reden,
in der seine Dichtung überhaupt sich bewegt, seiner Empfindung
gemäß zu meistern! Seiner Herrschaft über sie voll bewußt
modelt er sie um bald zum Ton der Äolsharfe, der weich
daherhaucht, und bald zum Gewittersturm, dem die Donner
Gottes entbrausen.
Und er vermag das, da er, noch ganz abgesehen vom
Rhythmus, auch das Mußsikalische schon der Sprache an sich
mit bis dahin unerhörter Gewalt zum Tönen zu bringen weiß.
Wer hätte ihm wohl die Strophe nachzudichten vermocht:
Ich entflog ihr und sang, und der bewegte Hain
Und die Hügel umher hörten mein flötend Lied,
Und des Baches Gespräche
Sprachen leiser am Ufer hin?
Seine Sprache wurde gleichsam selbsttönend; wie die un—
bestimmt verhallenden Schwingungen der Musik trifft sie das
Ohr, wenn wir von der Empfindungen unaussprechlich süßer
Lust, wenn wir vom wolkigen Hauche geatmeter Weihrauch—
düfte hören. Es ist, abgesehen vom rein sinnlichen Tonfall,
namentlich die glückliche Wahl der Beiwörter, überhaupt der
schmückenden Elemente der Sprache, die diesen Eindruck hervor—
bringt. Da wird uns gesungen vom Schauer wallender Freuden
und vom melancholischen Ach, wir erzittern von süßer Ent—
zückung, und unser erschütterter Nerv schauert, bis uns still—
heitres Lächeln schwimmenden Augs und beseelter Blick zu
sanftrer Bewegung überführen, und unsere Seele Ruhe ge—
winnt: die
Tochter des ewigen Hauchs in uns,
Seele, zur Liebe gemacht.
Und wie in dieser Sprache alles lebt, alles sich bewegt
und jede klare Linie sich zitternd auflöst, so meidet der Dichter
die intransitiven Zeitwörter der Ruhe oder stößt sie hinüber