Nene Dichtung.
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auf den für ihn allein atmnenden Boden bewegten Seins. Da
lebt die Freude ungestümer durch die Gebeine hin, da, taut
der Morgen daher; und die menschliche Seele wähnt leere
Tage zu Nächten, indem sie liebesehnend Zärtlichkeit weint.
Ein pathetischer Zug geht mit alledem durch die erhabene
Form der Oden, und tausenderlei Mittel steigern diesen Ein—
druck: die häufige Verwendung von Komparativen an Stelle
der Positive, der meisterhafte Gebrauch der Anaphora, der
majestätische Gang endloser, oft über mehrere Strophen er—
streckter Satzgebilde, die Einfügung langer Vergleiche, in deren
Verlauf die Sprache sich fast knirschend ihrem selbstherrlichen
Zügler fügt, und nicht zum geringsten die Wiederholung der
bezeichnendsten Worte, ja ganzer bezeichnender Satzteile, deren
Eindruck auf den Hörer der Wirkung kirchlicher Litaneien
gleichkommt.
Das Pathos, das auf diese Weise erreicht wird, ist im
ausgesprochensten Falle das Pathos melancholischer Narkose.
Und eben dies ist es, was erreicht werden soll: trunkene,
traumhafte Seligkeit des Empfindens. Und hat uns der Dichter
an diesem Kelche nippen lassen, dann führt er hinüber in
die Gebiete der Verstiegenheit, des süßen Schauers, des stillen
Stammelns. Kaum schallet jetzt
der Cherubim Harfe noch, sie bebt;
Kaum tönet ihre Stimme noch, sie zittert, sie zittert.
Worauf die religiös-pietistische Ekstase hervorbricht zu ihrer
Zeit:
Ihr Wellen, donnert,
Und du, der Posaunen Chor, hallest
Nie es ganz: Gott — nie es ganz: Gott,
Bott, Gaft ist es, den ihr vreift!
Es ist für Klopstock die höchste aller dichterischen, ja eine
uͤberdichterische Wirkung. Und es ist eine Wirkung, die nicht
bloß auf religiösem Gebiete eintritt. Auch der vollste Zustand
höchster irdischer Seligkeit, der Liebe, ist nur so hoher Ver—
zückung erreichbar.