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Zweiundzwanzigstes Buch.
Siehe, nun kommt Jehova nicht mehr im Wetter,
In stillem, sanftem Säuseln
Kommt Jehova,
Und unter ihm neigt sich der Bogen des Friedens.
Aber wie hier schon das Pathos durchzubrechen droht und
wunderbar starke Stimmung sich aufdrängt, so vernichtet das
empfindsame Element in tausend anderen Schilderungen jede
Spur fast festerer Plastik: nebelhaft, verschwimmend, in den
Augenblicken musikalischen Harmoniewechsels gleichsam, im Zwie⸗
licht, ahnungsvoll, von Rauchwerk umwallt erscheinen die Dinge,
wie aus großer Ferne. Derart sind die Schilderungen vor
allem im Messias:
Nun wandelt der Seraph
In der Erd' Abgründen. Da wälzten sich Ozeane
Ringsum, langsamer Flut, zum menschenlosen Gestade.
Alle Söhne der Ozeane, gewaltige Ströme,
Flossen, wie Ungewitter sich aus den Wüsten heraufziehn,
Tiefauftönend ihm nach. Er ging, und sein Heiligtum zeigte
Sich ihm schon in der Nähe. Die Pforte, von Wolken erbauet,
Wich ihm aus und zerfloß vor ihm, wie in himmlische Schimmer.
Unter dem Fuße des Eilenden zog sich flüchtige Dämmerung
Wallend hinweg. Nah hinter ihm an den dunkeln Gestaden
Blieb es in seinem Trikte zurück, wie wehende Flammen.
Es ist eine Naturanschauung, die das Körperhafte verliert,
die formlos aufgeht in Seele und Stimmung.
War da ein Dichter von der Art Klopstocks, in der Lyrik
groß, zugleich geeignet, ein Epos im gewöhnlichen Sinne des
Wortes zu schaffen? Und war seine Zeit geneigt, ein solches
Epos im gewöhnlichen Sinne zu genießen?
Klopstock hat bereits auf den Schulbänken Pfortes den
Gedanken der Messiade gefaßt, während ein noch früherer
Ehrgeiz ihn zum Preise Heinrichs des Voglers, des Befreiers,
zu treiben schien. Er traf in der Wahl dieses biblischen
Themas mit den Mahnungen, ja Prophezeiungen der Schweizer
zusammen, und er begeisterte sich zu ihm an dem großen Vor—
dilde Miltons.
Aber wie Unkecht würde man dem Dichter tun, wollte