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Zweiundzwanzigstes Buch.
durch Jahre ruhigerer Stimmung, wenn auch noch höchlichst
gereizter Leidenschaft: auf Klopstocks Messiade folgte neben
allem Bardengesang und der poetischen Aufregung des Hain—
bundes Werthers Leiden: und eine letzte Zeit der Empfind⸗
samkeit brach damit, die Zeit schon mehr objektiver Betrachtung
und Wiedergabe der Stimmung, herein.
In den Leiden des jungen Werthers findet sich die Stelle:
„Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitswärts, und der
herrliche Regen säuselte auf das Land, und der exrquickendste
Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns
auf. Lotte stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durch—
drang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich; ich sah
ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und
sagte Klopstockt. Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen
Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome
von Empfindungen, den sie in dieser Losung auf mich ausgoß.
Ich ertrug's nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie
unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge
wieder.“ Lotte und Werther beleben ihre Empfindung des
Frühlingsgewitters durch das Gedächtnis an die Ode des Jahres
1759, deren schöne Schlußstrophen oben! zitiert worden sind.
Eine Vergleichung aber dieser Strophen und der Schilderung
Goethes zeigt den Unterschied zwischen der unbewußt-dithyram⸗
bischen Höhezeit der Empfindsamkeit und deren zwar noch be—
wegtem, doch aber der allgemeinen seelischen Situation schon
bewußtem Ausgang. Es sind die beträchtlichsten Schattierungen
des Empfindsamen, das aber gleichwohl noch ein und derselben
ganzen Periode angehört; und es bringt einen innersten Zu—
sammenhang zum Ausdruck, wenn der Verfasser von Werthers
Leiden die soeben dem Leser vorgetragene Stelle seines Buches
mit einem warmen Gefühlsausbruch an den Namen Klopstocks
endet: „Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke
gesehen; und möchte ich nun deinen so oft entweihten Namen
nie wieder nennen hören!“
S. 429.