Neune Dichtung.
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Der Ausgang der empfindsamen Zeit ist wesentlich durch
zweierlei Erscheinungen gekennzeichnet. Einmal vollzog sich
innerhalb der deutschen Entwicklung selbst eine Abklärung. Je
länger und je eindringlicher die Dichtung das neue Empfinden
aussprach, um so zahlreicher wurden die Kreise, die, durch die
soziale und geistige Entwicklung der letzten Menschenalter inner⸗
lich vorbereitet, ihm zufielen; indem aber die Bewegung eine
breitere soziale Grundlage nun auch offen gewann, verlor sie
zugleich an Innerlichkeit: auch der Inhalt des Gefühlslebens
wurde nun gleichsam öffentlicher und damit flacher, und die
Kunst seiner Darstellung gewann an gegenständlicher Klarheit.
Anderseits aber kamen jetzt auch mächtige Einflüsse des Aus—
landes hinzu, um diesen Abklärungsprozeß zu beschleunigen
und zugleich im Sinne einer Bereicherung an Mannigfaltigkeit
der Empfindungen zu verstärken.
Es ist schon früher davon die Rede gewesen', daß die
westeuropäischen Nationen, vor allem Engländer und Franzosen,
die seelischen Entwicklungsstufen, die mit der Entfaltung eines
Wirtschaftslebens frühesten Unternehmertums und eines neuen
Bürgertums dieser Unternehmung mehr oder minder verknüpft
sind, früher erlebt haben als unser Volk. Während auf
deutschem Boden die Bewegung, sieht man von den besonders
früh erbluhenden, aber auch besonders früh ausscheidenden
Niederlanden ab, nach dem Dreißigjährigen Kriege nur matt
einsetzte, um in den zwanziger und dreißiger Jahren des
18. Jahrhunderts eine erste entwicklungsgeschichtliche Höhe von
verhältnismäßig geringer Ausdehnung und Erhebung zu er—⸗
reichen, ging in England die entsprechende Entfaltung seit
der glorreichen Revolution aufs strackeste und fruchtbarste vor
sich. Dem entsprach denn auch eine frühe und kräftige Blüte
der seelischen Bewegung: schon in Youngs Gedanken über die
Originalwerke wird das unmittelbare Studium der Natur
empfohlen: nicht nach Homer, sondern wie Homer gelte es zu
schaffen; und die Losung bereits Shaftesburys waren die
S. oben S. 250 ff.