Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
drängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt! 
Zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmeswinde, der 
in dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden 
Lichte des Mondes hinführt! Zu hören vom Gebirge her im 
Gebrülle des Waldstroms halbverwehtes Achzen der Geister aus 
ihren Höhlen und die Wehklagen des zu Tode sich jammernden 
Mädchens um die vier moosbedeckten, grasbewachsenen Steine 
des Edelgefallenen, des Geliebten. Wenn ich ihn dann finde, 
den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Heide die 
Fußstapfen seiner Väter sucht und, ach! ihre Grabsteine findet 
und dann jammernd nach dem lieben Sterne des Abends hin— 
blickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, und die Zeiten der 
Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da noch 
der freundliche Strahl den Gefahren der Tapferen leuchtete 
und der Mond ihr bekränztes, siegrückkehrendes Schiff beschien! 
Wenn ich den tiefen Kummer auf seiner Stirn lese, den letzten, 
verlassenen Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken 
sehe, wie er immer neue, schmerzlich glühende Freuden in der 
kraftlosen Gegenwart der Schatten seiner Abgeschiedenen ein— 
saugt und nach der kalten Erde, dem hohen, wehenden Grase 
niedersieht und ausruft: ,Der Wanderer wird kommen, kommen, 
der mich kannte in meiner Schönheit, und fragen: Wo ist der 
Sänger, Fingals trefflicher Sohn? Sein Fußtritt geht über mein 
Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erdes: — 
O Freund! ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das 
Schwert ziehen, meinen Fürsten von der zückenden Qual des 
langsam absterbenden Lebens auf einmal befreien und dem be— 
freiten Halbgott meine Seele nachsenden.“ 
Der Einfluß Ossians hat eine Zeitlang alle anderen 
fremden Einflüsse überwogen. Aber weit dauernder und tiefer 
war im ganzen doch der Einfluß Rousseaus. Eben deshalb, 
und weil er weder im engeren noch im weiteren Sinne bloß 
literarischen Charakters war, ist schon früher von ihm, in all— 
gemeinerem sozial- und geistesgeschichtlichen Zusammenhange, 
mWerthers Leiden, zum 12. Oktober 1772.
	        
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