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Zweiundzwanzigstes Buch.
drängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt!
Zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmeswinde, der
in dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden
Lichte des Mondes hinführt! Zu hören vom Gebirge her im
Gebrülle des Waldstroms halbverwehtes Achzen der Geister aus
ihren Höhlen und die Wehklagen des zu Tode sich jammernden
Mädchens um die vier moosbedeckten, grasbewachsenen Steine
des Edelgefallenen, des Geliebten. Wenn ich ihn dann finde,
den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Heide die
Fußstapfen seiner Väter sucht und, ach! ihre Grabsteine findet
und dann jammernd nach dem lieben Sterne des Abends hin—
blickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, und die Zeiten der
Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da noch
der freundliche Strahl den Gefahren der Tapferen leuchtete
und der Mond ihr bekränztes, siegrückkehrendes Schiff beschien!
Wenn ich den tiefen Kummer auf seiner Stirn lese, den letzten,
verlassenen Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken
sehe, wie er immer neue, schmerzlich glühende Freuden in der
kraftlosen Gegenwart der Schatten seiner Abgeschiedenen ein—
saugt und nach der kalten Erde, dem hohen, wehenden Grase
niedersieht und ausruft: ,Der Wanderer wird kommen, kommen,
der mich kannte in meiner Schönheit, und fragen: Wo ist der
Sänger, Fingals trefflicher Sohn? Sein Fußtritt geht über mein
Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erdes: —
O Freund! ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das
Schwert ziehen, meinen Fürsten von der zückenden Qual des
langsam absterbenden Lebens auf einmal befreien und dem be—
freiten Halbgott meine Seele nachsenden.“
Der Einfluß Ossians hat eine Zeitlang alle anderen
fremden Einflüsse überwogen. Aber weit dauernder und tiefer
war im ganzen doch der Einfluß Rousseaus. Eben deshalb,
und weil er weder im engeren noch im weiteren Sinne bloß
literarischen Charakters war, ist schon früher von ihm, in all—
gemeinerem sozial- und geistesgeschichtlichen Zusammenhange,
mWerthers Leiden, zum 12. Oktober 1772.