Neue Dichtung.
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erzählt worden!. Hier mag nur angedeutet werden, daß sich
seit der Ablehnung des französischen Rationalismus selbst in
der witzig-fortgeschrittenen Form Voltaires der stärkere Ein⸗
fluß des Schrifttums französischer Sprache in den Zeiten der
Empfindsamkeit und auch noch des Sturmes und Dranges
fast auf Rousseau beschränkte. Des Schrifttums französischer
Sprache! Denn in vieler Hinsicht war Rousseau nicht so
sehr Franzose als Schweizer, Genfer, Calvinist; und in dem
tiefen Pathos seiner Seele mag er, vornehmlich in der Héloise,
manchmal eher Haller zu vergleichen sein als einem der dichte⸗
rischen Genossen seiner Zunge. Seine Einwirkung auf die
deutsche Empfindsamkeit aber, wie sie die sechziger Jahre in
steigender Stärke erfüllte, war wesentlich die reiferer Be—
fruchtung und durchsichtigerer Klärung. Zweifellos hat sein
feiner Formensinn den größten, auch im einzelnen nachweis—
haren Einfluß gehabt, nicht zum geringsten auf Goethe. Und
die tiefgründige, ja oft abgründige Energie seiner Seelenkunde
hat der deutschen Dichtung Gegenden untersten Seelenlebens
erschlossen, vor deren Erkundung sie bis dahin unbewußt Halt
gemacht hatte oder gar sichtlich zurückgeschreckt war.
Unter all diesen Einflüssen und Wandlungen gelangte jetzt
das Schrifttum der späteren deutschen Empfindsamkeit, wenn
auch unter manchen Stößen leidenschaftlichen Sturmes und
Dranges schließlich doch in ruhigere Tiefe und in gelassenere
Breite: um, wenn auch nicht zeitlich, so doch inhaltlich in
einem Werke von großgearteter Wirkung und weltgeschichtlicher
Höhe, Goethes Werther, zu gipfeln. Im ganzen ist es dabei
der beste Beweis für den doch kerndeutschen Verlauf, daß die
Bewegung den Anschluß an Klopstock wahrte; denn im Grunde
war es nur ein bedeutender Dichter, der sich diesem Zusammen—
hange entzog, Wieland.
Wieland, um neun dJahre jünger als Klopstock, wurde
oielleicht schon durch den geringen Altersunterschied davor be—
wahrt, in dem Gefolge des Dichterfürsten der Empfindsamkeit
S. oben S. 251f.