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Zweiundzwanzigstes Buch.
frühvollendete Hölty die süßesten Töne einer exrhaben rührenden
Lyrik fand, haben die Grafen Stollberg, hat vor allem Voß
in seinen Idyllen den Zeitgenossen empfindsame Dichtungen
von tiefem und schließlich ruhig-sattem Stimmungsgehalte ge—
schenkt.
Inzwischen aber war der Periode der Empfindsamkeit
längst ihre Grenze gezogen worden: und aus den ersten
Jahren des Sturmes und Dranges schon ragt, eine weithin
und sichtbar scheidende Landmarke, die letzte große Dichtung
der ablaufenden Zeit, Werthers Leiden, empor.
Man weiß, bis zu welchem Grade Goethe in seiner
Dichtung Erlebnisse, Erlebnisse vor allem seines Innenlebens,
neu durcherlebt, erzählt, gebeichtet hat. Aber wichtiger ist, daß
er die Einzelvorgänge, wie sie nur in der Zeit der Empfind—
samkeit erlebt werden konnten, zugleich bewußt als empfindsam
aufgefaßt, dadurch der ablaufenden Periode zum erstenmal
ihren Spiegel vorgehalten und eben hiermit über sie hinaus—
——
eine idealisierend-empfindsame Behandlung, über die der Dichter
mindestens nach Abschluß des in unglaublich kurzer Zeit ge—
schriebenen, um so länger aber innerlich vorbereiteten Werkes
klar war. Es ist eine Geschichte, „darin ich“, so schreibt
Goethe an Schönborn in Algier, „einen jungen Menschen dar—⸗
stelle, der, mit einer tiefen, reinen Empfindung und wahrer
Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich
durch Spekulation untergräbt, bis er zuletzt, durch dazutretende
— D
rüttet, sich eine Kugel vor den Kopf schießt“.
Könnte man heute über den Inhalt kürzer, objektiver, so⸗—
zusagen historischer berichten? Die wenigen Worte erzählen
in der Wiedergabe eines typischen Verlaufes der vom Stoffe
abgezogenen elementaren Empfindungen fast die Geschichte der
Empfindsamkeit selbst.
In den Weiten der Dichtung aber gewinnt diese tiefste
Ur- und Unterströmung empfindsamer Gefühle eine Aus—
gestaltung, die in ihrer reichen Mannigfaltigkeit einfachsten