Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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menschlichen Empfindens und Denkens niemals veralten wird. 
Denn das, was hier im Verlaufe der Geschichte des deutschen 
Geisteslebens fast zum erstenmal und ausgesprochen entgegen⸗ 
tritt, ist eine breit ausgesponnene psychologische Charakteristik, 
vor allem Werthers selbst, der in dem Ablaufe seiner Briefe 
kaum eine Falte seiner Seele undurchmustert läßt. Gewiß 
werden dabei vornehmlich die Empfindungen zerfasert; und 
Werther kann über dieser Aufgabe, in „Verzückung, Gleichnisse 
und Deklamation verfallen“, gelegentlich die äußeren Umstände 
einer Begebenheit gänzlich zu erzählen vergessen. Aber war 
die Welt der Empfindungen nicht eben die Welt der fünfziger 
und sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts? Und betont nicht 
Werther selbst oft genug die enge Begrenzung seines äußeren 
Erfahrungslebens? Indes auch die Staffage, die Außenseite 
der Ereignisse ist mit einem gegenüber aller früheren Kunst 
ausgesprochen starken Wirklichkeitssinne, mit einem Naturalis⸗ 
mus, der bisher noch ohnegleichen war, gezeichnet. Wer in 
Wetzlar, der alten wunderlichen Reichsstadt mit ihrem zweimal 
unvollendeten Dome, den Schauplatz einer der ersten Schilde— 
rungen in Werthers Leiden kennt, die Stätte, wo, in dem 
Idyll eines Seitentälchens der Lahn, ein taufrischer Quell von 
nicht weiter besonderer Schönheit sich zur Seite eines Weges 
in der Tiefe von dem kleinen Straßengewirr der Umgebung 
abhebt, der wird von der plastischen Schilderung Goethes aufs 
erstaunlichste berührt sein. „Da ist gleich vor dem Orte ein 
Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin, wie Melusine 
mit ihren Schwestern. Du gehst einen kleinen Hügel hinunter 
und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen 
hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen 
quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfassung 
macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, 
die Kühle des Ortes, das hat alles so was Anzügliches, 
Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde 
da sitze. Da kommen dann die Mädchen aus der Stadt und 
holen Wasser — das harmloseste Geschäft und das nötigste, 
das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten.“ Und
	        
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