442 Zweiundzwanzigstes Buch.
so ist es mit allen Schilderungen von Örtlichkeiten in Werthers
Leiden, die sich nachprüfen lassen: es ist ein Naturalismus
ohnegleichen: hier zum erstenmal erscheint in der Periode der
Empfindsamkeit eine ihrer köstlichsten Hinterlassenschaften, eine
erhöhte Auffassungsform der Wirklichkeit, zu voller Reife ge—
zeitigt.
Aber daneben steht, alle Kunst der Einzeldarstellung der
tausend erwähnten Umstände und Personen zügelnd und über—
treffend, eine nicht minder große Kunst der künstlerischen Be—
herrschung. Man hat Werthers Leiden wohl das herrlichste
Denkmal „realistischer Sentimentalität“ genannt. Die Be—
zeichnung erschöpft den Sachverhalt nicht. Neben all diesem
Realismus, in dem sich die schon vorgeschrittenen Jahre des
Sturmes und Dranges spiegeln, macht sich eine Kraft idea—
listischer Konzentration geltend, die die Anfänge schon eines
künftigen Klassizismus vorwegnimmt.
Eben aus diesem weiten Wurzelschlagen erhellt die Be—
deutung, erklärt sich die außerordentliche und dauernde Wirkung
der Dichtung. Schließt sie einerseits die Periode der Empfind⸗
samkeit ab, indem sie deren seelische Elemente zerdröselt und
deren künstlerische Errungenschaften in veredelten Formen fort—
pflanzt, so weist sie anderseits hinein in neue, höhere Jahr—
zehnte des deutschen Schrifttums, in die revolutionären Zeiten
der siebziger Jahre und die achtziger und neunziger Jahre
eines zu reiner Helle durchgeläuterten Idealismus.
2. Einer der Prosasprüche Goethes lautet: „Vor dem
Gewitter erhebt sich zum letztenmal der Staub gewaltsam, der
nun bald für lange getilgt sein soll.“ Die Worte sind gelegent—
lich wohl auf den ganzen Verlauf des Sturmes und Dranges
bezogen worden. Mit Unrecht. Nicht bloß Staub aufgewirbelt
hat die Zeit der Stürmer und Dränger; sie war zugleich auch
die Stunde reich befruchtenden Gewitters.
Auf den ersten Augenblick mag man wohl rufen: Original—
genies! Genieperiode überhaupt! Revolution an Haupt und
Gliedern! Sturm und Drang nicht bloß ästhetisch, nein auch