Zweiundzwanzigstes Buch.
Bewußtsein der Zeitgenossen zu treten, als aus einem tiefen
Verständnis der eigenen Art. Und dies Verständnis war
schließlich nur historisch zu gewinnen. So verknüpfen sich
nationale und geschichtliche Auffassung: anfangs enthusiastisch,
in dem Schwärmen des Sturmes und Dranges für altteutsche
Art und in dem romantischen Sichversenken in den Geist ver—
gangener Ahnen, später wissenschaftlich, in dem Historismus
des 19. Jahrhunderts.
Die Dichter der Empfindsamkeit und des Sturmes und
Dranges waren fast alle jugendlich: bei Klopstock und Herder,
bei Goethe und Schiller fallen die ersten wesentlichen Leistungen
schon in die Studentenzeit. Es ist eine Erscheinung, die allen
Zeiten großer geistiger und seelischer Ubergänge gemeinsam ist:
wie jung waren die meisten deutschen Humanisten der Blüte⸗
periode bis zu den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts;
wie jung sind auch unsere jüngsten Stürmer und Dränger, die
Dichter des „grünen“ Deutschlands der achtziger und neun—⸗
ziger Jahre des 19. Jahrhunderts gewesen. Sehr natürlich:
in Seelen, deren Empfindungsgeleise noch nicht eingefahren
sind, deren Schöpferkraft und Aufnahmefähigkeit noch kein
Alter geschwächt hat, werden neue Reize, denen sich neues
Seelenleben entringt, am entschiedensten wirken. Aber sind diese
Köpfe dann im allgemeinen am längsten und nachhaltigsten zu
wirken bestimmt? Nur zu häufig, wenn nicht stärkste Willens⸗
kraft zu ständiger Selbsterziehung und innerer Fortbildung
drängt, unterliegen sie den ersten Eindrücken als einer dauernden
Einwirkung: und so verkümmern sie, bilden sich nicht weiter
an den reichen Stoffen der vorwärts stürmenden Welt, beginnen
zu deklamieren und zu philosophieren, verfallen dem Selbstkult.
Auch die deutsche Geschichte der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts hat diese Entwicklung gekannt, und das böse Wort
Friedrichs des Großen: L'Allemagne féconde en plats origi-
naux traf als allgemeine Beobachtung die Wirklichkeit.
Da mußte es denn um so bedeutsamer sein, wenn sich
unter den stürmenden und zumeist rasch nachlassenden Jungen
der oder jener Ältere befand, der vermöge besonderer Ver—