Neue Dichtung.
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des Volkstümlichen, um schließlich aus dem Bereiche einer Vor⸗
stellung, wonach es das Empfinden aller nationalen Kreise und
vornehmlich auch der unteren bezeichnet, in das Gebiet des
Nationalen in dem Sinne überzugehen, daß es ein rein Mensch—
liches bezeichnet, insofern dieses in den höchsten Schöpfungen
eines jeweils verlaufenden Kulturzeitalters charakteristisch natio—
nale Formen annimmt.
Schubart, der unglückselige Dichter des Hohen Aspergs,
des „Tränenberges“, trotz aller Schwächen und Fehler seines
Charakters doch ein trauriges Opfer der schwäbischen Klein—
staaterei und des württembergischen Despotismus, war vier—
unddreißig Jahre alt, als der „Götz von Berlichingen“ erschien.
So kann es nicht Wunder nehmen, wenn er in älteren, ge—
legentlich selbst auch jungeren Gedichten noch der munteren wie
der rührseligen Anakreontik, in einer freilich ziemlich plumpen
Rokokoanmut, huldigt. Und erst recht hat er der Sentimentalität
seinen Tribut gezollt; in diesen Zusammenhang gehört die
langatmige Ode auf Friedrich den Großen, die ihm endlich die
ersehnte Freiheit brachte. Daneben aber läuft in seiner Dichtung
von vornherein eine volkstümliche Ader lyrischer Art, die durch
ein paar Verse des Gedichtes „Der Bauer im Winter“, von
später Entstehung und darum besonderer Vollendung, charakteri⸗
siert sein mag:
Ich leb' das ganze Jahr vergnügt,
Im Frühling wird das Feld gepflügt:
Da hängt die Lerche über mir,
Und singt ihr krauses Lied mir für.
Und kommt die liebe Sommerszeit,
Wie hoch wird da mein Herz erfreut,
Wann ich vor meinem Acker steh'
Und so viel tausend Ähren seh'!
Und so weiter. Man sieht: es ist eine einfach gegen—
ständliche Poesie, gemünzt weniger auf die Empfindungen des
Dichters als die von allerlei Ständen — Schubart hat auch
den Fischer, den Schneider, den Schuhmacher, den Zinkenisten
und wen nicht noch in gleicher Art besungen —: eine Dichtung,
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