Neue Dichtung.
451
Heut hebet meine Seele sich
Aus ihren engen Schranken,
Und wagt mit tiefstem Ernste dich!
Den furchtbarsten Gedanken!
Dich, schauervolle Ewigkeit!
Dich, Urquell der vergangnen Zeit,
Und aller Künftigkeiten.
Ich Sonnenstaub, von gestern her,
Soll mich ans Ufer wagen,
Wohin vom unbeschifften Meer
Die schwarze Wellen schlagen?
An ungeheure Tiefen, wo
Zahllose Welten, leicht wie Stroh
Auf Meereswogen, schwimmen?
Und wagt es meine Seele gleich,
Mit eines Cherubs Schwingen
In dieses unbeflogne Reich
Der Ewigkeit zu dringen:
NRach tausend Jahren steh' ich doch,
Auch nach KRonen, immer noch,
Wie heute — an dem Ufer.
Das Pathos, das, ganz persönlicher Art, diese Verse durch—
zieht, kann sich bei Schubart da, wo er rein nur von sich zu
reden veranlaßt ist, zu einer auch heute noch mit Urkraft er—
greifenden Höhe steigern. So in seinem vielleicht schönsten
Gedichte, das für ihn zugleich eine Schicksalsdichtung war, in
der „Fürstengruft“:
Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,
Ehmals die Götzen ihrer Welt!
Da liegen fie, vom fürchterlichen Schimmer
Des blassen Taas erhellt!
Die alten Särge leuchten in der dunklen
Verwesungsgruft, wie faules Holz;
Wie matt die großen Silberschilde funkeln,
Der Fürsten letzter Stolz!
Entsetzen packt den Wandrer hier am Haare,
Geußt Schauer über seine Haut,
Wo Eitelkeit, gelehnt an eine Bahre,
Aus hohlen Augen schaut.