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Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber solche Höhe des Pathos ist selten. Und wie man
sieht: auch hier verläßt den Dichter im Grunde die objektive
Form nicht: der Wanderer empfindet, nicht er; und dieser
Empfindungslage ist die Sprache angemessen: die reine Sub⸗
jektivität des Dichters bleibt noch hinter der Verkleidung.
Es ist dieselbe Entwicklungsstufe, die wir bei Bürger (ge⸗
boren in der Silvesternacht von 1747 auf 1748) wiederfinden.
Nur erscheint alles ein wenig mehr nach der subjektiven Seite
verschoben; nur ist Bürger ein weit größerer Dichter: neben
Goethe und Lenz, Klopstock und Günther wohl das größte
lyrische Talent der Nation im 18. Jahrhundert. Sieht man
auch hier von tändelnden und sentimentalen Anfängen ab, so
mag der Fortschritt gegen Schubart etwa durch ein Winter—
lied aus dem Zahre 1772 gekennzeichnet werden.
Der Winter hat mit kalter Hand
Die Pappel abgelaubt,
Und hat das grüne Maigewand
Der armen Flur geraubt;
Hat Blümchen, blau und rot und weiß,
Begraben unter Schnee und Eis.
Doch liebe Blümchen, hoffet nicht
Von mir ein Sterbelied.
Ich weiß ein holdes Angeficht,
Worauf ihr alle blüht.
Blau ist des Augensternes Rund,
Die Stirne weiß, und rot der Mund.
Was kümmert mich die Nachtigall
Im aufgeblühten Hain?
Mein Liebchen trillert hundertmal
So süß und silberrein;
Ihr Atem ist, wie Frühlingsluft
Frfüllt mit Hyazinthenduft.
Voll für den Mund und würzereich
Und allerfrischend ist,
Der purpurroten Erdbeer' gleich,
Der Kuß, den sie mir küßt. —
O Mai, was frag' ich viel nach dir?
Der Frühling lebt und webt in ihr.