Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Nun lag in dem dissoluten Charakter Bürgers, in dem 
er dem großen Lyriker des 19. Jahrhunderts, Heine, nur zu 
sehr ähnelte, mehr als ein Zug, der ihn an diese Entwicklung 
anzuknüpfen, ja in ihr aufzugehen veranlassen konnte; in der 
Tat hat er in diesem Sinne gedichtet; in der Historia von der 
wunderschönen Durchlauchtigen kaiserlichen Prinzessin Europa 
und einem uralten heidnischen Götzen Jupiter item Zeus, deren 
Titel schon die Parodie verrät, findet sich ein Vers, der über 
die Umgebung, in der sich der Dichter den Vortrag seiner 
Historie dachte, unzweideutig aufklärt: 
Eu'r Batzen soll euch nicht, 
Geehrte Herrn, gereuen. 
Mein Liedel foll euch freuen! — 
Doch ihr dort! Schelmgezücht! 
Kroaten, hintern Bänken! 
Laßt nach mit Lärm und Schwänken! 
Aber bald wandte der Dichter die Form ins Ernstere. Mit 
—D— 
Lage und eigene Begabung ihm hier die Ausbildung einer 
lyrisch-epischen Form von hoher Schönheit ermöglichten; und 
mit dem Fleiße, der ihn als Künstler immer ausgezeichnet hat, 
machte er sich, teilweise unterstützt durch englisches Vorbild, 
ans Werk: eben in diesem Zusammenhange der Wiedergabe 
stärkster Empfindung und bewegtester Handlung sah er das 
Volkstümliche, dessen die Nation zu poetischer Erhebung be— 
dürfe. Und nach wenigen Vorarbeiten schuf er alsbald das 
Meisterwerk der neuen Gattung, die „Lenore“ (1778). Hier 
schon ist alles vereint, was den späteren reichen Kranz seiner 
Balladen auszeichnet: höchste Belebung der Handlung, tiefste 
und schauerlichste Empfindung, und eine Form, deren hüpfende 
Rhythmen uns vorwärts zu hasten heischen, wie auch endlich 
eine Sprache, die mit ganz neuen Mitteln, vor allem auch der 
Wortmalerei, Situationen und Ereignisse in dem sicheren Stile 
eindrucksvoller Freskomalerei schildert. 
Es ist in gewissem Sinne ein Höhepunkt der Entwicklung, 
der nicht mehr übertroffen worden ist, so reich die Nation
	        
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