Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
später in dem Balladenjahre Schillers und Goethes und darüber 
hinaus mit einem nie versiegenden Schatze balladenhafter Er— 
zählungen beschenkt worden ist: Goethe selbst hat die „Lenore“ 
mit seiner ausdrucksvollen Stimme immer und immer wieder 
vorgetragen und ihre einzigartige Stellung anerkannt. 
Jedenfalls: welch einen Fortschritt bedeutete es von den 
rührenden und nicht selten rührseligen Kantilenen, mit denen 
Alopstock und seine Nachfolger gefallene Helden priesen, bis zu 
dieser enggeschürzten, von Felsblock zu Felsblock der Erzählung 
gleichsam vorwärts springenden Form, der in der modernen 
Entwicklung höchstens die Entstehung der short story zu ver— 
gleichen ist? Es ist wie eine Wiederholung des Entwicklungs⸗ 
ganges unserer frühesten Kulturzeitalter von der lyrisch-epischen 
Totenklage des Helden in der Urzeit zu jener dramatisch- 
epischen Form der Stammeszeit, die das Hildebrandlied dar⸗ 
bietet!: nur auf einer ungleich höheren Stufe kultureller Ent— 
faltung. 
Aber inzwischen hatte die reine Lyrik des Sturmes und 
Dranges schon längst eine Wandlung erlebt, die sie über die 
halb⸗objektiven Formen Schubarts und Bürgers hinwegtrug — 
hinauftrug zu den höchsten Höhen schon der Lmik in der ersten 
Periode des Subjektivismus. 
Der unglückliche, schließlich in Wahnsinn endende Dichter 
Reinhold Lenz, ein Livländer, 1751 geboren, der Straß— 
burger Freund und spätere Pflegebefohlene Goethes und seines 
Schwagers Schlosser, hat von sich selbst gesagt: „Der gute 
Junge! Wenn er auch nichts geleistet hat, so hat er doch groß 
geahnt.“ Ein Urteil, dem billigerweise hinzuzufügen ist, daß 
Lenz in seinen besseren Jugendzeiten — die ihn kannten, haben 
ihn, auch intellektuell, immer für problematisch gehalten — 
der erste große, völlig dem neuen Seelenleben in seiner ersten 
Vollendung hingegebene Dichter der Nation gewesen ist: neben 
ihm, freilich auch über ihm steht nur noch Goethe. 
Wie Bürger und Schubart, wie nicht minder Goethe, war 
S. Bd. II-A3 S. 178 ff., 342 ff.; 10 S. 206 ff., 368 ff.
	        
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