Neue Dichtung.
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Weltanschauung gehangen. Daraus folgte für das Drama
dieser Zeit eine Schicksalsidee transzendenten Charakters, ein
Schicksal, das das Einzelgeschick der Gestalten in Abhängigkeit
brachte von einer höheren, übermenschlichen und überweltlichen
Führung, von Gott. Die dextera manus dei, die sich in
mittelalterlichen Bildern so häufig aus den Wolken streckt, um
einem Heiligen zu helfen, sie war auch noch das Hauptstück
in der Schicksalsvorstellung des 16. bis 18. Jahrhunderts.
Konnte nun diese Auffassung mit dem Umschwunge des
Seelenlebens um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten
bleiben? Stellen wir die Gegensätze von heute und früher
extrem gegenüber, so gewiß nicht. Die volle christliche Welt—
anschauung noch des 16. bis 18. Jahrhunderts kannte als
Hauptmittel der Schicksalswirkung von der intellektuellen Seite
her das äußere Wunder, von der moralischen aus die Sinnes—
wandlung durch die Gnade Gottes; die moderne Weltanschauung
glaubt nur ein der Welt immanentes Wirken des Absoluten
annehmen zu dürfen, das an die Kausalitätsvorstellung und
den Glauben an eine empirische menschliche Freiheit gebunden
ist. Allein so scharf drängten zur Zeit des Überganges von
individualistischer zu subjektivistischer Kultur die Gegensätze nicht
gegeneinander. Um 1750 war die absolute Transzendenz des
christlichen Schicksals in den Augen der Menschen gewiß gelegent—
lich schon gebrochen; äußere Wunder wurden schon als besonders
zu begründende Ausnahmen betrachtet, innere Wunder der
Sinneswandlung auch nur noch begrenzt zugelassen. Ander—
seits aber ist die Immanenz etwa der heutigen Auffassung auch
noch vielfach durch Spuren und Einwirkungen der alten Trans⸗
szendenz bestimmt. Wir haben es also mit einer leisen, freilich
im Anfangszustand und Schlußergebnis durch starke Abweichung
gekennzeichneten Entwicklung von Schattierungen zu tun, und
es wird im späteren Verlaufe unserer Erzählung nötig werden,
die Abfolge dieser Schattierungen zu verfolgen.
Wenn nun aber in der Zeit des frühesten Subjektivismus
im ganzen und großen doch noch die Transzendenz der christ—
lichen Weltanschauung für die Auffassung des Lebensschicksals
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