Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
4165 
Weltanschauung gehangen. Daraus folgte für das Drama 
dieser Zeit eine Schicksalsidee transzendenten Charakters, ein 
Schicksal, das das Einzelgeschick der Gestalten in Abhängigkeit 
brachte von einer höheren, übermenschlichen und überweltlichen 
Führung, von Gott. Die dextera manus dei, die sich in 
mittelalterlichen Bildern so häufig aus den Wolken streckt, um 
einem Heiligen zu helfen, sie war auch noch das Hauptstück 
in der Schicksalsvorstellung des 16. bis 18. Jahrhunderts. 
Konnte nun diese Auffassung mit dem Umschwunge des 
Seelenlebens um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten 
bleiben? Stellen wir die Gegensätze von heute und früher 
extrem gegenüber, so gewiß nicht. Die volle christliche Welt— 
anschauung noch des 16. bis 18. Jahrhunderts kannte als 
Hauptmittel der Schicksalswirkung von der intellektuellen Seite 
her das äußere Wunder, von der moralischen aus die Sinnes— 
wandlung durch die Gnade Gottes; die moderne Weltanschauung 
glaubt nur ein der Welt immanentes Wirken des Absoluten 
annehmen zu dürfen, das an die Kausalitätsvorstellung und 
den Glauben an eine empirische menschliche Freiheit gebunden 
ist. Allein so scharf drängten zur Zeit des Überganges von 
individualistischer zu subjektivistischer Kultur die Gegensätze nicht 
gegeneinander. Um 1750 war die absolute Transzendenz des 
christlichen Schicksals in den Augen der Menschen gewiß gelegent— 
lich schon gebrochen; äußere Wunder wurden schon als besonders 
zu begründende Ausnahmen betrachtet, innere Wunder der 
Sinneswandlung auch nur noch begrenzt zugelassen. Ander— 
seits aber ist die Immanenz etwa der heutigen Auffassung auch 
noch vielfach durch Spuren und Einwirkungen der alten Trans⸗ 
szendenz bestimmt. Wir haben es also mit einer leisen, freilich 
im Anfangszustand und Schlußergebnis durch starke Abweichung 
gekennzeichneten Entwicklung von Schattierungen zu tun, und 
es wird im späteren Verlaufe unserer Erzählung nötig werden, 
die Abfolge dieser Schattierungen zu verfolgen. 
Wenn nun aber in der Zeit des frühesten Subjektivismus 
im ganzen und großen doch noch die Transzendenz der christ— 
lichen Weltanschauung für die Auffassung des Lebensschicksals 
20 *
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.