Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
galt: so verlangte sie, daran war kein Zweifel, an dieses 
Schicksal gebundene, in sich unfreie, mit bestimmten Ideen 
gleichsam belastete Charaktere. 
Aber gerade hierüber drängte nun die dichterische Ge— 
staltungskraft der Zeit hinaus: jenes außerordentlich gewachsene 
innere Vorstellungsvermögen für fremde Charaktere, das sich 
künstlerisch in der Schöpfung neuer, freierer, ja der Absicht der 
Dichter nach völlig ungebundener Gestalten äußerte: wie hätte 
es sich bei dem hergebrachten Schema beruhigen können! Keine 
im tiefsten Grunde fast noch gleichartigen Charaktere, die in 
demselben Rahmen der Verfügungsfähigkeit unter der gleichen 
transzendenten Gewalt dahinlebten: nein, freie, sich aus sich 
selbst bestreitende Personen, nicht zwei-, sondern dreidimensionale 
Gestalten, volles Menschenleben in der unendlichen Mannig⸗ 
faltigkeit seiner Bildung: das war es, was man für das Drama 
forderte und suchte. Und so prallten denn Schicksalsvorstellung, 
Idee des Dramas, und Gestaltenschöpfung, Charaktere des 
Dramas, gegeneinander. 
Das Ergebnis konnten zunächst nur Fabeln von größter 
Gewaltsamkeit und von tiefsten Konflikten sein. Und da von 
der Fabel wieder der ganze formelle Plan des Dramas, das 
Szenenschema und die Haltung und Stimmung der einzelnen 
Szenen abhängt, so mußten für all dies, für den sinnlichen 
Körper des Dramas gleichsam, Gewaltsamkeit, Unregelmäßig⸗ 
keit, Abweichen vom Gesunden, Einfachen, Klaren, Unter— 
drückung jeder Regel herkömmlicher Diätetik des Körpers und 
Geistes die Folgen sein. Diese Folgen aber aus der Unverein⸗ 
barkeit des Charakters des Schicksals und der neu erworbenen 
besonderen Fähigkeit der Personenzeichnung wurden durch einen 
naheliegenden Umstand nochmals verstärkt. 
Man kann fuür alle Zeitalter gebundenen Seelenlebens, 
am besten aber für die Urzeit, als das Zeitalter der gebundensten 
Kultur, die Beobachtung machen, daß Personen, welche aus 
irgendeinem Grunde sich von dieser Gebundenheit losreißen, 
aun besonders starker Willkür anheimfallen. Sehr natürlich: 
es handelt sich da um Menschen, die innerlich noch sehr wenig
	        
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