Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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erzogen sind, die geistig zusammengehalten werden wesentlich 
nur durch die äußeren Mittel des Sippenfriedens, des for⸗ 
malen Rechtszwanges, des geringer tatsächlicher Erfahrung 
entsprechenden, durch keinen Zweifel angekränkelten Fürwahr⸗ 
haltens einer bestimmten Mythologie. Gehen diese Personen 
folcher äußeren Gängelbänder ihres Daseins verlustig, so sind 
sie nicht einer innerlich erworbenen Freiheit überliefert, sondern 
der Willkür. Das ist zum großen Teil der Charakter der 
Helden und Heldinnen unserer alten Epen wie unserer älteren 
Geschichte, soweit sie den normalen Gang des Lebens verlassen 
haben: Chlodovech, Brunhilde und Fredegunde, Hagen und 
Kriemhild sind in diesem Punkte nahe verwandt. Etwas Ahn⸗ 
liches nun, wie einstmals im Leben, geht jetzt, zur Sturm⸗ und 
Drangzeit, im Drama vor sich: die Fähigkeit zur Zeichnung 
freierer Charaktere ist da; die allgemeine Schicksalsvorstellung 
verlangt, weil in gewissen Richtungen noch transzendent, 
—E00 Linie 
und verfallen damit übertreibender Willkür. 
Es ist das Moment, das zugleich die Geschichte des Dramas 
in die allgemeine seelische Bewegung des Sturmes und Dranges 
stellt: eben in diesem Zusammenhange kamen dessen literarisch⸗ 
revolutionäre Tendenzen vornehmlich im Drama zum Ausdruck. 
Verlief dabei die ganze Strömung doch nicht völlig ins Uferlose, 
wie zunächst wohl zu erwarten gewesen wäre, wäre sie sich 
selbst überlassen geblieben, so wurde das vornehmlich durch den 
Umstand verhindert, daß man denn noch nicht ganz steuerlos 
die Höhen der neuen dramatischen Weltanschauung zu gewinnen 
suchte, sondern hierfür einen, im Verhältnis zu den eigenen 
Neigungen konservativen Führer gefunden hatte in Shake⸗ 
peare. 
Soll aber die Rolle Shakespeares in diesem Zusammen— 
hange klar angeschaut werden, so werden wir gut tun, auf die 
Geschichte des Dramas unter dem Einflusse der christlichen 
Weltanschauung des 16. bis 18. Jahrhunderts nochmals mit 
einigen Worten zurückzugreifen. 
Die christliche Weltanschauung dieser Zeit war bereits in
	        
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