Neue Dichtung.
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erzogen sind, die geistig zusammengehalten werden wesentlich
nur durch die äußeren Mittel des Sippenfriedens, des for⸗
malen Rechtszwanges, des geringer tatsächlicher Erfahrung
entsprechenden, durch keinen Zweifel angekränkelten Fürwahr⸗
haltens einer bestimmten Mythologie. Gehen diese Personen
folcher äußeren Gängelbänder ihres Daseins verlustig, so sind
sie nicht einer innerlich erworbenen Freiheit überliefert, sondern
der Willkür. Das ist zum großen Teil der Charakter der
Helden und Heldinnen unserer alten Epen wie unserer älteren
Geschichte, soweit sie den normalen Gang des Lebens verlassen
haben: Chlodovech, Brunhilde und Fredegunde, Hagen und
Kriemhild sind in diesem Punkte nahe verwandt. Etwas Ahn⸗
liches nun, wie einstmals im Leben, geht jetzt, zur Sturm⸗ und
Drangzeit, im Drama vor sich: die Fähigkeit zur Zeichnung
freierer Charaktere ist da; die allgemeine Schicksalsvorstellung
verlangt, weil in gewissen Richtungen noch transzendent,
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und verfallen damit übertreibender Willkür.
Es ist das Moment, das zugleich die Geschichte des Dramas
in die allgemeine seelische Bewegung des Sturmes und Dranges
stellt: eben in diesem Zusammenhange kamen dessen literarisch⸗
revolutionäre Tendenzen vornehmlich im Drama zum Ausdruck.
Verlief dabei die ganze Strömung doch nicht völlig ins Uferlose,
wie zunächst wohl zu erwarten gewesen wäre, wäre sie sich
selbst überlassen geblieben, so wurde das vornehmlich durch den
Umstand verhindert, daß man denn noch nicht ganz steuerlos
die Höhen der neuen dramatischen Weltanschauung zu gewinnen
suchte, sondern hierfür einen, im Verhältnis zu den eigenen
Neigungen konservativen Führer gefunden hatte in Shake⸗
peare.
Soll aber die Rolle Shakespeares in diesem Zusammen—
hange klar angeschaut werden, so werden wir gut tun, auf die
Geschichte des Dramas unter dem Einflusse der christlichen
Weltanschauung des 16. bis 18. Jahrhunderts nochmals mit
einigen Worten zurückzugreifen.
Die christliche Weltanschauung dieser Zeit war bereits in