Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

lös 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
zwei verschiedene Richtungen auseinandergetreten: die katho— 
lische und die protestantische. Von ihnen beiden hatte an der 
mittelalterlichen Gebundenheit ganz festgehalten nur die katho— 
lische. Innerhalb ihres Verlaufes hatte darum auch der 
Charakter des christlichen Schicksals als einer göttlichen Macht 
des Erbarmens und der Liebe besonders hell aufgeleuchtet: 
der harte, von Schuld zu Verderben führende Zug des tran⸗ 
szendenten Eingriffes war gemäßigt worden durch das Element 
der Gnade und Versöhnung. Das hatte in dem katholischen 
Drama des 16. bis 18. Jahrhunderts grundsätzlich dazu ge— 
führt, daß der Schicksalsverlauf innerhalb der dramatischen 
Fabel schließlich immer noch zum Guten umgebogen wurde: 
der Sünder wurde erlöst. Der glänzendste und tiefste Ver— 
treter eines Dramas auf dieser Grundlage ist Calderon ge— 
wesen: gewiß ist er infolgedessen nicht so sicheren Schrittes 
auf Erden gewandelt wie Shakespeare, doch übertraf er diesen 
in der durchsichtigen Folgerichtigkeit des Aufbaues seiner Dramen 
unter einer völlig klaren Vorstellung des Schicksals. 
Denn gehen wir zur Geschichte der protestantischen Welt— 
anschauung über, so war auf diesem Gebiete die christliche 
Schicksalsidee infolge der schärferen Betonung des Gnadenaktes 
überhaupt wohl verstärkt, zugleich aber auch ihrer Transzendenz 
nach durch den Begriff der Gotteskindschaft sehr verinnerlicht 
und zum großen Teile schon in die Charakterentwicklung der 
Einzelperson hinein verlegt worden; auch hatten sich in den 
protestantischen Ländern durch die philosophische Renaissance 
des 16. Jahrhunderts die Lehren des antiken Stoizismus weit⸗ 
hin verbreitet und waren vielfach in innige Verbindung mit den 
christlichen Uberzeugungen getreten: diese Lehren aber beruhten 
auf der Anschauung von der Immanenz des menschlichen Schick— 
sals. Aus diesem Zusammentreffen konnte nun unter Um— 
ständen eine Weltanschauung hervorgehen, für die schon das 
Wort galt: In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne; 
eine Anschauung, die im Drama zur innigsten Einbettung des 
Schicksals, der regierenden absoluten Kräfte in die Leiden— 
schaft, das Pathos, das entscheidende Bestreben der Gestalten
	        
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