Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Mene Dichtung. 
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führen mußte. Das geschah in England; und der Meister des 
so entstehenden frühesten psychologischen Dramas war Shake⸗ 
speare. 
Dabei war klar, daß auch schon ein primitives Drama 
der Immanenz, wie es dasjenige Shakespeares war, zu einer 
freieren Auffassung der äußeren Form führen mußte, als sie 
in dem Schauspiele spezifisch christlicher Transzendenz und auch 
in jenem antiken Drama sich hatte entwickeln können, das 
seinerseits auf einer noch in ganz anders einseitiger Folge⸗ 
richtigkeit verlaufenden Schicksalsvorstellung, der vom Fluche 
der Götter, beruhte. Und so ist es selbstverständlich, daß die 
Regeln der Shakespeareschen Bühne und Szenenführung, der 
Aktkomposition und der Behandlung von Zeit und Raum von 
den aus christlicher und antiker Weltanschauung entwickelten, 
wie sie auch die verschiedenen Formen des Renaissancedramas 
des 16. bis 18. Jahrhunderts beherrscht hatten und noch be⸗ 
herrschten, gänzlich abwichen. Ja gegenüber der strengen 
Bindung dieser konnten die Dramen Shakespeares und seiner 
——— geistreiche, wenn 
auch mit genauen Wegweisern versehene Skizzen für die Bühnen⸗ 
aufführung erscheinen, als gleichsam mehr Umrisse für den 
Schauspieler, denn als Bühnengemälde. 
Dies alles, Schicksalsauffassung wie Durchbildung der 
Handlung und Technik im einzelnen, war damit so geartet, 
daß sich ohne weiteres erklärt, wie die jungen dramatischen 
Sturmer und Dränger aus ihrer Zeit und ihrer Persönlichkeit 
heraus in Shakespeare das lebendigste und beinahe unbedingt 
zu befolgende Vorbild erblicken konnten. 
Freilich: war deshalb die Kunst Shakespegares völlig ge⸗ 
eignet, der deutschen Entwicklung der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts sozusagen einverleibt und von den Dichtern 
dieser Zeit nur nachgeahmt und allenfalls fortaebildet zu 
werden? 
Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß eine urwüchsige, 
früheste Form der Immanenz und eine gewaltige, zum Teil 
nur dem Genie eben Shakespeares eignende Meisterschaft der
	        
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