Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
71 
des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert verschoben 
hatten — daß schon der Fortgang von der individualistischen 
zur subjektivistischen Psyche eine solche Anwendung ausschloß. 
Selbst schon das Wesen der äußeren Charakterhaltung machte 
sie unmöglich. Sichrerer und stärkerer öffentlicher Friede hatte 
die Leidenschaften der Gewalttätigkeit unterdrückt; Zeitverbrechen 
waren bereits wesentlich die Feigheits- und Listsunden — ja 
teilweise wurden sogar schon Gedankensünden im Drama als 
charakteristische Verbrechen empfunden —: und da hätte ein 
Schauspiel Shakespearescher Gestalten dem innersten Empfinden 
der Zeit genug tun sollen? 
Aber auch das Schicksal war bei Shakespeare noch nicht 
so gestaltet, wie es dem fortschreitenden reinen Gefühle des 
subjektivistischen Zeitalters entsprach. Gewiß galt bei Shake⸗ 
speare das Schicksal grundsätzlich als immanent: Leidenschaft 
bringt Verderben: das war, in schlichte Prosa gefaßt, dem 
Dichter Kern seiner Weltanschauung, war ihm zugleich Satz 
perfönlicher Erfahrung. Was aber hieß bei ihm Leidenschaft? 
Die eigentliche Individualität, das Anderssein als der Mittel⸗ 
schlag,“ meinte einer der tiefsten Kenner Shakespeares, der 
Dichter Otto Ludwig!, „ist bei Shakespeare bis zur vollzogenen 
Schuld; dann reagiert in dem Helden selbst der Mittelschlag; 
er muß zu seinem Schmerze wahrnehmen, daß er im ganzen 
und großen doch auch nur Mittelschlag ist; als Individuum 
wird er schuldig; als Mittelschlagsmensch leidet er dafür.“ 
Oder, wie sich den Ausführungen Ludwigs an einer anderen 
Stelle entnehmen läßt?: Shakespeare gab wohl die Welt wieder, 
aber ohne die Widersprüche, die unser sittliches Elementar— 
bewußtsein in der wirklichen Welt irren. Er lebte noch in der 
Zeit eines verhältnismäßig ungebrochenen Sittlichkeitskoder; 
uͤber die Schuld seiner Helden war weder er noch sonst ein 
Zeitgenosse im Zweifel. 
War nun aber eine solche Massivität gleichsam der sitt— 
Gefammelte Schriften 5, 282. 
2z A. a. O. 5, 80.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.