Neue Dichtung.
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des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert verschoben
hatten — daß schon der Fortgang von der individualistischen
zur subjektivistischen Psyche eine solche Anwendung ausschloß.
Selbst schon das Wesen der äußeren Charakterhaltung machte
sie unmöglich. Sichrerer und stärkerer öffentlicher Friede hatte
die Leidenschaften der Gewalttätigkeit unterdrückt; Zeitverbrechen
waren bereits wesentlich die Feigheits- und Listsunden — ja
teilweise wurden sogar schon Gedankensünden im Drama als
charakteristische Verbrechen empfunden —: und da hätte ein
Schauspiel Shakespearescher Gestalten dem innersten Empfinden
der Zeit genug tun sollen?
Aber auch das Schicksal war bei Shakespeare noch nicht
so gestaltet, wie es dem fortschreitenden reinen Gefühle des
subjektivistischen Zeitalters entsprach. Gewiß galt bei Shake⸗
speare das Schicksal grundsätzlich als immanent: Leidenschaft
bringt Verderben: das war, in schlichte Prosa gefaßt, dem
Dichter Kern seiner Weltanschauung, war ihm zugleich Satz
perfönlicher Erfahrung. Was aber hieß bei ihm Leidenschaft?
Die eigentliche Individualität, das Anderssein als der Mittel⸗
schlag,“ meinte einer der tiefsten Kenner Shakespeares, der
Dichter Otto Ludwig!, „ist bei Shakespeare bis zur vollzogenen
Schuld; dann reagiert in dem Helden selbst der Mittelschlag;
er muß zu seinem Schmerze wahrnehmen, daß er im ganzen
und großen doch auch nur Mittelschlag ist; als Individuum
wird er schuldig; als Mittelschlagsmensch leidet er dafür.“
Oder, wie sich den Ausführungen Ludwigs an einer anderen
Stelle entnehmen läßt?: Shakespeare gab wohl die Welt wieder,
aber ohne die Widersprüche, die unser sittliches Elementar—
bewußtsein in der wirklichen Welt irren. Er lebte noch in der
Zeit eines verhältnismäßig ungebrochenen Sittlichkeitskoder;
uͤber die Schuld seiner Helden war weder er noch sonst ein
Zeitgenosse im Zweifel.
War nun aber eine solche Massivität gleichsam der sitt—
Gefammelte Schriften 5, 282.
2z A. a. O. 5, 80.