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Zweiundzwanzigstes Buch.
ausgegangen ist und deren Handlungen einer Idee unterstellt
hat, sondern daß für ihn das dramatische Problem der Anfang
der Empfängnis war: dies durchdachte er, von da aus erfaßte
er die einzelnen tragischen Situationen — entwarf aber die
Charaktere einstweilen nur in flüchtigen und allgemeinen Um—⸗
rissen!. Nun sind diese Fragmente freilich Fragmente geblieben;
und wer vermag zu sagen, ob nicht eben die allzugroße Stärke
in der Architektonik, die Schwäche in der Anschauung der Ge—
stalten die Ursache war, daß sie Stückwerk wurden? Sicher
ist, daß Schiller die Gestalten seiner vollendeten Dramen mit
größerer Liebe der Anschauung umfaßt hat; — sicher aber auch,
daß zum ersten Förderer des deutschen psychologischen Dramas
des Subjektivismus, wie es vor allem auf höchster Kunst der
Charakterschilderung beruht, nicht Schiller, sondern Goethe
geworden ist.
Was dagegen Schiller in den „Räubern“ alsbald gelang,
war die Schilderung der sozialpsychischen Materie, der Massen,
in unserem Falle der Räuber. Begreiflich genug: hier gibt
es neben gröberer Individualisierung der Einzelpersonen doch
vor allem wieder ins Gleichmäßige zu organisieren und den
Typus in Bewegung zu setzen: und darin hat sich Schiller
in jäh aufwärts steigender Meisterschaft bewährt von den
„Räubern“ bis zu „Wallensteins Lager“ und von „Wallen—
steins Lager“ bis zu der Riesenexrposition im ersten Aufzuge
des „Demetrius“.
Im übrigen ist nicht zu verkennen, daß Schiller wie in
der Gesamtarchitektonik, so in der Durchbildung der Gestalten
auch schon in den Dramen der Sturmes- und Drangeszeit eine
schnelle Entwicklung durchlaufen hat. Ihr Harmonisches be—
ruht vor allem darauf, daß der Dichter sich schon früh darüber
klar wurde, er dürfe auch in der Charakteristik nicht bloß „ein
getreuer Kopist der wirklichen Welt“ sein: dadurch daß er die
Charaktere leise zu typisieren begann, brachte er sie dem Geiste
1 Vgl. Kettner in Schillers Werten, Cottasche Jubiläumsausgabe,
Bd. VIII (Dramatischer Nachlaß) S. XIX.