Neue Weltanschauung. 311
heben und über dessen Fläche das Schifflein unserer deutlichen
Vorstellungen steuert, — als ein ewig lebendiges Organisches,
dessen einzelne Erscheinungen auf unendlich mannigfaltige Weise
in unendlich feinen Übergängen verknüpft sind: so daß aus
anendlichen Verflechtungen die unerschöpflichen Reize des Persön—
ichen hervorgehen.
Bis zur Unübersichtlichkeit ausgedehnt und damit theo—
retisch nicht erschöpfbar erschien damit im Grunde die Summe
aller seelischen Erscheinungen. Suchte man aber gleichwohl
eine Einteilung und Übersicht, so ergab sich, daß vor allem
die Masse der dunklen Vorgänge, die sich im Seelenleben halb
hewußt, halb unbewußt vollziehen, einer Einordnung und Be—
zeichnung bedurfte: neben Denken und Wollen, die psychologischen
Hauptkategorien des Seelenlebens von alters her, trat damit
als dritte Hauptgruppe seelischer Erscheinungen das Empfinden.
Bei Mendelssohn ist der Begriff in diesem Sinne bereits deut—
lich entwickelt; seine Anerkennung bedeutete, wie wir sehen
werden, die Emanzipation der Ästhetik aus der Metaphysik und
zugleich ihre psychologische Grundlegung.
Aber neben diesem Vorgang, der erst in der Philosophie
bon Tetens vollkommen abgeschlossen vorliegt, lief ein anderer,
noch bedeutsamerer her. Locke hatte in seinen erkenntnis—
cheoretischen Bestrebungen alle Begriffe aus dem Urquell der
äußeren und inneren Erfahrung ableiten wollen!. Indem nun
die empfindsame Zeit sich dieses Gegensatzes bemächtigte, modelte
sie ihn bald dahin, daß sie die subjektivistische Seite des Gegen⸗
satzes betonte, also die überwiegende Bedeutung der inneren
Erfahrung feststellte. Innere Erfahrung aber hieß ihr bald
mehr, bald minder deutlich Empfindung. So ward jetzt die
Empfindung, im Gegensatz zur kartesianischen Selbsterkenntnis
des denkenden Menschen, zum Herzstück der Psychologie, ja im
weiteren Sinne des Lebens- und Kraftgefühls, und damit zum
Kern des Denkens überhaupt: ein neues psychologisches, ja
philosophisches Zeitalter zog herauf.
S. darüber unten unter Nr. 3 S. 385 ff.