Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Bestreben erblicken wollen, sich aller Banden los in das Reich 
der Geistesfreiheit zu retten: nur daß die sehnende Kraft denn 
doch wieder zu schwach erscheinen würde, diese Erhebung ganz 
zu vollziehen. Es wäre ein Fall, auf den ein Satz Jean Pauls 
selber bezogen werden könnte: zweiundeinehalbe Minute habe 
der Mensch, eine zu weinen, eine zu lächeln und eine halbe 
zu lieben: denn mitten in dieser sterbe er. 
Die Romantik aber übernahm von ihrer Ahnin, der 
Empfindsamkeit, ganz allgemein noch einen sentimentalen Hang, 
und eben ihr letzter genialer Zärtling, Heine, hat an diesem 
Schlaftrunke mit gieriger Lippe gehangen. Natürlich nicht, 
ohne sich darüber lustig zu machen: wann hätte diese „malitiöse 
Nachtigall“ enttäuschungslos geschlagen? Aber war damit die 
Wirkung beseitigt? Erst der Realismus der dreißiger Jahre 
des 19. Jahrhunderts hat begonnen, die Struktur der alten 
Empfindsamkeit in die der modernen Sentimentalität zu ver⸗ 
wandeln: und im langsamen Verlaufe dieser Bewegung kam 
für Jean Paul die Zeit, noch einmal modern zu sein. 
Einsamer noch in vieler Hinsicht, als Jean Paul, hat Kleist 
in seiner Zeit gestanden, auch wenn man von dem persönlichen 
Unglück seiner Lebensführung absieht!. Tiefer aber hat ihn 
wohl niemand erkannt als Otto Ludwig, dieser Vorläufer des 
modernen Sturmes und Dranges, der literarischen Revolution 
der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts. „Ich glaube, es 
war Kleists Fehler, wie es meiner ist, daß wir ein zu kräftiges 
Gefühls- und Begehrungsvermögen zu wenig zu disziplinieren 
wußten. Der Lakonismus seiner und meiner Gestalten im Affekte 
läßt einen Nichtkenner der Seele schließen, wir seien zu kalt 
gewesen, während wir zu heiß waren.““ Man mag von den 
Dramen Kleists lesen und namentlich aufgeführt sehen, welches 
man wolle, man mag Gestalten und Schicksalsidee in welcher 
Richtung auch immer zergliedern, stets wird man wieder auf 
„Familie Schroffenstein“ 1803, „Penthesilea“ 1808, „Käthchen von 
Heilbronn“ 1810, „Zerbrochener Krug“ 1811, „Erzählungen“ bis 1811, 
Hermannsschlacht“ und „Prinz von Homburg“ publiziert 1821. 
2Werke 2, 1334
	        
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