Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Erscheinungen des Sturmes und Dranges zurückgeführt. Und 
auch das Lustspiel, das Stürmer und Dränger so heiß und 
so vergebens ersehnten, hat es nicht eben Kleist geschaffen? 
Freilich: der Realismus der Schilderung geht im „Zerbrochenen 
Kruge“ weit über das grobe naturalistische Zuhauen der sieb⸗ 
ziger Jahre des 18. Jahrhunderts hinweg; und der leisen 
Satire des Stückes, noch mehr des Streifens an das wahrhaft 
Tragikomische wären die Klinger und Wagner trotz mancher 
Neigung in diesem Sinne niemals fähig gewesen. Hier, wie 
nicht minder im „Michael Kohlhaas“, offenbaren sich eben die 
Seiten der Kunst Kleists, die vorwärts weisen hinein in den 
Sturm und Drang einer zweiten Periode des Subjektipismus. 
Im übrigen war wie mit Jean Paul die empfindsame, so 
mit Kleist die gewaltsame literarische Strömung immer noch 
nicht ganz verflossen. Wie hat da z. B. noch die Befreiungs⸗ 
zeit, die von Kleist so heiß ersehnte und nicht erlebte, das Blut 
unserer Lyrik zum Wallen, zum Sieden gebracht! 
Doch es ist nicht mehr höhere geschichtliche Aufgabe, dem 
Verlaufe dieser Strömungen weiter zu folgen. Im höchsten 
Grade geschichtlich ist nur das jeweils Neue, fortschreitend 
dinzukommende; und die ständige Frage der Athener 7 
vocorsoov ist auch heute noch eine Elementarfrage der historischen 
Forschung. Ja auch die Hauptfrage der geschichtlichen Kunst. 
Ddenn von den Lesern einer geordneten geschichtlichen Erzählung 
muß angenommen werden, daß sie fortlaufende Fäden früher 
einmal, da sie neu waren, dargestellter Verhältnisse in un— 
bewußter Erinnerung fortführen, ohne daß ihnen immer wieder 
deren ganzes Gewebe, von Augenblick gleichsam zu Augenblick, 
im pedantischen Kleinverlaufe von Zettel und Einschlag vor— 
gelegt wird: und sie werden diese Erinnerung jeweils bewußt 
zu gestalten wissen, sobald sie dessen unter dem weiteren Gange 
der Erzählung bedürfen. 
Es ist eine Beobachtung, der an dieser Stelle mit Nutzen 
noch eine andere Bemerkung zur Seite gestellt werden kann. 
Eine geschichtliche Erzählung, die den großen Zusammenhängen 
zachtrachtet, vermag keine Vollfiguren von Helden darzustellen,
	        
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