Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
kann keine Sammlung von Biographien sein. Auch die be— 
herrschendsten Menschen einer Zeit, auch die repräsentativsten 
einer Epoche erscheinen in der Kunst einer solchen Erzählung 
nur als Halbfiguren, als Reliefs: mit jenen Seiten ihres Wesens 
allein, die öffentlich sind und waren, die dem großen Gange 
der Dinge parallel laufen. Volle Umrundung einer Gestalt ist 
Sache des Biographen, und der Geschichtschreiber verhält sich 
zu diesem wie der Historienmaler zum Maler des Bildnisses. 
Fahren wir aber fort, den Entwicklungsgang der deutschen 
Dichtung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in seinen 
allgemeinen Zügen weiter zu verfolgen, so läßt sich beobachten, 
wie in den achtziger Jahren, nach der Höhezeit der Empfind— 
jamkeit und des Sturmes und Dranges, etwas wie ein Inne— 
— DD 
Naturalismus sind gewonnen in Sprache und dichterischer Form 
bis zu den höchsten Aufgaben des poetisch-technischen Wie? — 
und nun tritt das Bedürfnis auf, diese Werte zu sichten, zu 
ordnen und einem neuen Idealismus frischerer und stärkerer 
Persönlichkeitsbetätigung dienstbar zu machen. Es ist die Grund— 
stimmung und das Grundmotiv des kommenden Klassizismus. 
Hand in Hand aber mit dieser tiefsten Wandlung ging, 
den Übergang läuternd, eine Dreizahl an sich auch schon recht 
wichtiger Tendenzen: das Empordringen des Einflusses großer 
Entwicklungsphasen der älteren nationalen Dichtung; die letzte, 
reifste Abklärung des Rationalismus; und der ungeahnt hohe 
Aufschwung einer neuen Wiedergeburt des klassischen Altertums. 
In Zeiten eines Aufschwunges nationaler Kunst wird 
mmer auch die Erinnerung an vergangene Höhezeiten dieser 
Kunst auftauchen: an ihnen werden sich Sinn und Auge des 
verdenden Künstlers stärken. Wie es Goethe als eines der 
Leitmotive auch seiner Kunst ausgedrückt hat: „Was an uns 
Originales ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn wir 
unsere Altvordern nicht aus den Augen verlieren.“ Wie aber 
mußte diese Neigung verstärkt auftreten im Beginne eines Zeit— 
alters, zu dessen innerlichsten Wesensäußerungen eben die Ent— 
wicklung geschichtlichen Sinnes gehörte! Und so tauchte es
	        
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