Neue Dichtung.
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denn auf, das Andenken an die großen Zeiten der Dichtung
der Staufer und der Reformationszeit, nachdem unklare Be—
zeisterung für die Barden der Urzeit und enthusiastische Über—
treibung in den Blättern von deutscher Art und Kunst den
Weg gebahnt hatten. Hatte Bodmer schon in den vierziger und
fünfziger Jahren „Nibelungenlied“ und „Dichtungen der Minne⸗
sänger“ drucken lassen, so wurden in den folgenden Jahrzehnten
außer neuen Ausgaben dieser auch die wichtigsten Kunstepen
der Stauferzeit veröffentlicht: und eine neue Schätzung des
Mittelalters, ein Vorbote der Romantik, zog ein. Wie aber
wurde gar die Reformationszeit erfaßt. Der „Weißkunig“ er⸗
schien von neuem im Drucke, Hans Sachs erlebte fast mehr
als eine Auferstehung in den genialen Nachahmungen Goethes,
das soziale und politische Leben der Zeit schien im „Götz von
Berlichingen“ wieder lebendig zu werden zum Erstaunen der
Rationalen, in deren Sinne Wieland sich vor dem „schönen
Ungeheuer“ liebenswürdig bekreuzte; — und die Summe alles
Geisteslebens, die Fülle der Seele dieser großen deutschen Zeit
oor zweiundeinhalb Jahrhunderten s chwoll mächtig in die Gegen⸗
wart herein in der Gestalt des Doktor Faust, die fast jedes
Dichtergemüt beschäftigte: bis sie in des größten Dichters größter
Schöpfung Unsterblichkeit gewann.
Die Gesamtwirkung vieler der Altvordern aber, die man
liebend zum Reden gebracht hatte, war erziehlich, im Sinne
einer Klärung der jugendlichen Stimmungen der empfindsamen
und der Sturmes⸗ und Drangeszeit. Das gilt schon für die
Faustdichtung, betrachtet man sie als allgemeine Erscheinung
der siebziger und achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts, das
tritt sichtbar hervor, versenkt man sich in die heitere Wohlig⸗
keit, die behagliche Durchsichtigkeit der hanssachsischen Dichtungen
Boethes.
In diesem Sinne aber wirkte die jüngste Vergangenheit,
das letzte volle Aushallen des Rationalismus, nicht minder
klärend auf die jungen Geschlechter.
Den breiten Untergrund aller rationalistischen Bestrebungen
hildete auch in den sechziger bis achtziger Jahren, ja darüber