o⸗
Zweiundzwanzigstes Buch.
zu bedienen, nicht zur Durchführung einer radikalen, wenn
auch zunächst nur intellektuellen Revolution auszunutzen: nicht
um den eigenmächtigen allein, um den gesetzmäßigen Gebrauch
des Verstandes handle es sich. Und damit nicht genug: von der
gesetzmäßigen Freiheit des Denkens will Kant, wenn auch zu—
nächst nur rein intellektualistisch, überführen zur gesetzlichen
Freiheit des Handelns: sei ein Volk genügend gebildet, um der
Freiheit des Handelns fähig zu sein, so werde diese Bildung
derart auf die Regierung zurückwirken, daß sie den Menschen
nicht mehr als Maschine, sondern seiner Würde gemäß betrachte.
Man begreift, was diese Lehren auch für die Dichtung be—
deuteten; Maß und klares Ziel auch in Dingen menschlicher
Gemeinschaft war ihre Losung: und indem er Kants Bildungs—
ideal zum Ideal ästhetischer Erziehung fortbildete, ward Schiller
zum einflußreichen Lehrer subjektivistischer Selbstzucht.
Dennoch läßt sich nicht verkennen, daß es sich hier mehr
um Schranken handelte, die dem Empfinden und Denken des
Dichters gezogen wurden, als um eine unmittelbare Förderung
poetischen Schaffens selbst!. Diese ging, und zwar im reichsten
Natürlich hatte auch der Rationalismus noch seine dichterischen
Ausläufer. Hier mag wenigstens anmerkungsweise eines der liebens—
würdigsten gedacht werden: Hebels, des letzten bedeutenden Vertreters auf⸗
klärerischer Idyllik. Was ihn kulturgeschichtlich besonders interessant macht,
ist die Tatsache, daß ihm seine starke Wendung zum Volkstümlichen des
alamannischen Stammes da, wo seine Dichtung zugleich in nationalen
Formen des Metrums und der Versbildung einherschreitet, etwas fast Un—
persönliches gibt: so in dem bekanntesten seiner Gedichte „Loset was i
Euch will sage“. Aber auch da, wo perfönlichere Töne erklingen, halten
sie sich im sittlichen Niveau der Zeit und des Stammes: so nimmt der
Patriotismus die Form eines gemütvollen Partikularismus an, und die
moralischen Anschauungen überschreiten nicht die rationalistische Grenze
inniger religiös-christlicher Gefühle. Dabei wird ein gewisses, der Auf—
klärung wohlanstehendes Gleichmaß der Stimmung beibehalten; nur selten
vernimmt man Töne, die über das Idyllisch-Getragene hinausgehen, wie
in dem bäuerlichen Muspilli von der „Vergänglichkeit“, dessen ernsteste
Stellen an Vorstellungsweisen des alamannisch-schweizerischen Landsmanns
Haller erinnern. Im übrigen tritt diese eigenartige seelische Umwelt noch
diel deutlicher, als in den Gedichten, in den „Schaßkästlein-Erzählungen“