Neue Dichtung.
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rührendste Klage vielleicht um das verlorene. Griechentum,
das geschwundene Menschheitsideal gesungen. Und als die
beiden Schlegel im Jahre 1796 von Göttingen, wo sie unter
Heyne studiert hatten, nach Jena kamen, begann die Romantik
dem ihrer Ansicht nach alternden Klassizismus den Kult mit
unentweihten Händen zu entnehmen: „Alles Antike ist genia⸗
lisch; das ganze Altertum ist ein Genius, der einzige, den
man ohne Übertreibung absolut groß, einzig und unerreichbar
nennen darf.“*
Dennoch fühlte man den nur qualitativen Abstand der
eigenen von der antiken Welt. Und es ist wiederum vor⸗
nehmlich Herders Verdienst, sein Verständnis zur Verwertung
für die künstlerische, insbesondere dichterische Schöpfung am
frühesten klarer begründet zu haben. Ihm erschienen Kunst
und Leben der Griechen vor allem plastisch; ihr Horizont war
seiner Auffassung nach zwar eng begrenzt, aber innerhalb der⸗
selben waren sie der Dinge Meister. Dabei stand ihnen im
Mittelpunkte ihres Lebens das Diesseits: dies lebten sie voll:
und so war ihr Dasein einem kostbaren Marmor gleich, der
Bearbeitung zu schönster, herrlichster Form verlangte. Das
moderne Leben dagegen ist nach Herder malerisch; unser
Horizont reicht über dies Dasein hinaus ins neblicht Unend—
liche. Daher denn das rastlose, nie aufzuhören bestimmte
Bestreben, unsere Grenzen über uns hinaus zu verrücken, uns
die Ewigkeit in der Zeit schon zu verschaffen: und daraus
das nie Abgerundete, nie Vollendete unseres Daseins: der
wirkende Charakter, nicht das ruhende Kunstwerk.
Es sind die ersten Ansätze zu jener Unterscheidung zwischen
Antik und Modern, denen später die allgemeineren Gegensätze
Naiv und Sentimental entsprangen: worin denn zugleich ohne
weiteres eine unbewußte Abgrenzung des neuen Idealismus
gegenüber dem Naturalismus der Empfindsamkeit und des
Sturmes und Dranges lag sowie ein Bekenntnis dieses neuen
Idealismus zur Naivität der Antike. Im übrigen aber sind diese
1Athenäum 1, 2.