500 Zweiundzwanzigstes Buch.
Gegensätze, fundamental wie sie waren für die Unterscheidung
des primitiven Naturalismus und des primitiven Idealismus
des subjektivistischen Zeitalters, in den letzten Jahrzehnten des
18. Jahrhunderts immer eingehender und tiefer bearbeitet
worden: so von Goethe in den Sizilianischen Briefen (1787),
von Schiller in den „Göttern Griechenlands“ (1788) und in
den Abhandlungen über naive und sentimentalische Dichtung
(1795), auch von Schlegel in seiner „Poesie der Griechen
und Römer“ (1794 —-96). Aus alledem aber, wie aus der
ständigen gesellschaftlichen Erörterung des Themas ergab sich
denn schließlich eine Anschauung der Antike, wie sie für die
reifsten Schöpfungen vor allem der gemeinsamen Zeit Schillers
und Goethes mitbestimmend gewirkt hat.
Nun erschienen die Griechen, besonders in der idealisierten
Form ihrer Kunstgebilde, als die Spiegelbilder der Welt; in
ihnen konzentrierte sich der Typus der universalen Gesetze.
Der „schöne Mensch“, das Ideal der Zeit: unter Hellenen war
er vor Zeiten Wirklichkeit geworden. Hier hatte man den
Traum des Lebens in herrlichster Heiterkeit geträumt. Hier
war, vermöge der wirtschaftlichen Folgen der Sklavenhaltung,
allein voͤlle geistige Individualität erreicht worden; hier hatte
es nicht die grobe Mechanik des modernen sozialen Gefüges
gegeben, die jeden in einen einseitigen Beruf preßt. Hier
war darum Staat und Kirche so wenig auseinandergerissen
gewesen wie Gesetz und Sitte; hier hatten Mittel und Zweck,
Genuß und Arbeit, Anstrengung und Lohn im richtigen Ver—
hältnis gestanden: hier herrschte einstmals die Harmonie der
Dinge. Und dieser Zustand war nicht mühsam erreicht und
nicht sorgenvoll erhalten worden: man kann ihn nicht werden
sehen: ein Geschenk der Götter, ein Wunder, ein Ideal der
Ideale war er aus dem Wogen des geschichtlichen Universums
emporgetaucht.
Aber nach den Griechen war dann eine Spaltung eingetreten
in der Durchbildung der menschlichen Kräfte: und Intuition
und Verstand, egoistische und altruistische Gefühle hatten sich
unter Verlusten an Höhe der Intuition und Innigkeit des