Neue Weltanschauung. 313
die Behauptung einer größeren Selbständigkeit des menschlichen
Beistes hinauslief. Aber damit war Tetens in seinen sub—
jektivistischen Neigungen noch keineswegs befriedigt. Auf Grund
don Experimenten mit dem Gesichtssinn! behauptete er: „Die
Schaffenskraft der Seele geht weiter. Sie kann Vorstellungen
machen, die für unser Bewußtsein einfach und demnoch keiner
von denen ähnlich sind, die wir als die einfachsten Empfindungs⸗
borstellungen antreffen. Sie kann also in dieser Hinsicht neue
einfache Vorstellungen bilden.“ Es ist die Behauptung einer
selbsttääigen Denk- und Dichtungskraft der Seele a priori:
die Stabilisierung der Selbstherrlichkeit des schöpferischen
Menschen. Von diesem Gesichtspunkte aus erschien Tetens
dann schon die Kausalität als etwas in den Dingen nicht Ge—
gebenes und als etwas aus der Erfahrung des gewöhnlichen
Vorstellungsverlaufes keineswegs Angeeignetes, sondern viel—
mehr als etwas nur von uns aus den Dingen Zugeschriebenes,
als eine Denkform a priori.
Und gleichzeitig bildete Tetens von seinen psychologischen
Voraussetzungen her den wichtigsten Begriff unserer klassischen
Asthetik vollends aus, den Begriff des Genies. Hatte schon
von Creutz in dem ersten Satze seines Versuchs über die
Seele (1754) das Bedürfnis ausgesprochen, „sich über das
rätselhafte Etwas, welches im Homer die ewige Odyssee, im
Virgil die unsterbliche Aneis hervorgebracht, im tiefsinnigen
Leibniz die prächtige Theodicee geboren hat, klar zu werden,“
so fand Tetens diese Klarheit, indem er die geistige Größe
nicht bloß von der stärkeren Rezeptionsfähigkeit und Selbst⸗—
tätigkeit der Seele in der Verarbeitung gewordener Eindrücke
abhängen ließ, sondern vor allem von der über diese hinaus—
ragenden Eigenschaft schöpferischer Einbildungskraft: durch Ein—
führung und Zutat dieses Begriffes glaubte er jene heroische
Vorstellung vom Genie wissenschaftlich begreiflich gemacht zu
haben, die dem enthusiastischen Fühlen der Zeit entsprach.
Zit. Sommer S. 275.