Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
erscheinen sie innerlich gefestigt. Wo treffen wir in der deutschen 
und außerdeutschen Geschichte sonst diese vornehme Marmor— 
ruhe eines Goethe oder eines Wilhelm von Humboldt, wo 
jene Stimmung edler Versöhntheit Schillers mit einem persön— 
lichen Schicksal, das den Menschen erhebt, indem es den 
Menschen zermalmt, wo die klassische Selbstbewußtheit, die die 
Welt mikrokosmisch beherrscht, indem sie sie mit freien Sinnen 
betrachtet? — Es ist eine Zeit und ein Zustand der Dinge, die 
sich als ein unzerstörbar heiliger Jugendbrunnen der Nation 
erwiesen haben nun schon durch mehr als ein Jahrhundert 
unserer Geschichte. 
4. Gedenkt man Jenas oder Weimars in den Zeiten 
Schillers und Goethes, so möchte man wohl mit dem Propheten 
ausrufen: „Und du Bethlehem Ephrata, die du klein bist 
unter den Tausenden in Juda.“ Und doch! Land und Leute 
Thüringens waren der Offenbarungen nicht unwert, die ihnen 
wurden. 
Wer heute von Berlin und den Kolonialgebieten rechts 
der Elbe den alten Heerweg nach den zentralen Gegenden des 
deutschen Mutterlandes über das alte Durchgangstor des Hörsel⸗ 
tales bei Eisenach nimmt, der wird sich jenseits von Halle zum 
erstenmal auf besonderem Boden fühlen. Es ist der eigenartige 
Reiz des Saaletales um Naumburg, da wo sich die Unstrut in 
den größeren Fluß ergießt, daß es dem von Osten Kommenden 
zum erstenmal die volle Kultur des alten deutschen Mutter— 
landes vermittelt. Schon um Weißenfels grüßen die ersten 
Weinberge; dann taucht hoch oben am Rande des Saaltales, 
in dessen Tiefen sich die Straße senkt, Goseck auf, der alte Sitz 
der sächsischen Pfalzgrafen, die Geburtsstätte einst Erzbischof 
Adalberts von Bremen; darauf naht von Süden her die stolze 
Turmgruppe des Naumburger Domes und winken aus Norden 
die weiten Mauern der Neuenburg oberhalb Freiburgs, der 
alten Residenz der Thüringer Landgrafen, auf der Heinrich 
von Veldeke sang; es folgt mit Schulpforta eine erste, in 
behaglicher Breite hingestreckte Klosteranlage; und die Fels—
	        
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