504 Zweiundzwanzigstes Buch.
inmitten des uralten Siedlungsgebietes, da, wo sich das reine
Thüringen am weitesten vorschiebt gegen die kolonialen, ssawen⸗
gemischten Gegenden des Ostens, ein neuer Aufschwung, und
Wartburg und Wittenberg wurden abgelöst durch Jena und
Weimar.
Beide Orte waren in der klassischen Zeit ihrer Geschichte
äußerlich unscheinbar. Weimar hat es heute auf etwa 30 000 Ein⸗
wohner gebracht; zur Zeit von Goethes Tode mag es etwa
ein Drittel davon gehabt haben, und mehr als ein halbes
Jahrhundert früher, da Goethe dem Rufe des jungen Karl
August folgte, die Hälfte dieses Drittels. Im ganzen war es
eine Ackerbürgerstadt, ja fast ein Dorf ohne Vergangenheit,
wie denn noch bis vor kurzem Scheunen inmitten der er—
weiterten Stadt lagen; und neben den kleinen Häuschen der
Bürger, die sich fast nur am Markte zur Wohlhabenheit
einiger Giebelhäuser aus Renaissancezeiten hoben, stand ziem—
lich unvermittelt fürstliche Residenz und fürstliche Regierung.
Aber auch sie trugen noch deutliche Spuren der Herkunft aus
agrarischem Zustand, und noch heute erinnert eine Vorwerks⸗
gasse kleinbürgerlichen Charakters in der Nähe des Schlosses
an die Zeiten, da die Herren des Landes auf einer bloßen
Burg jenseits der Ilm horsteten und in der Talsohle, in
städtischem Bereiche, äußerlich sichtbar durch wenig mehr als
ein Landgut vertreten waren.
Und wird dieser Eindruck durch die besonderen Reste der
klassischen Zeit so gänzlich abgeschwächt? Goethe hat, dem Hof⸗
adel gleich, schließlich in einem stattlichen Hofe des 18. Jahr⸗
hunderts gehaust: aber der Hauptschmuck dieses Heims war
doch ein großer Garten mit weitem Blick auf anschließende
Auen: wie nicht minder Schiller, in einem behaglichen großen
Ackerbürgerhause untergebracht, sich eines geräumigen Gartens
zur Arbeit im Freien erfreute. Und auch das Leben des Hofes
verlief vornehmlich in Wald und Feld; nur dürftig spiegelt
sich sogar die der köte champétre doch nicht völlig abgeneigte
Kunst des Rokokos in jenen Räumen etwa des Wittumspalais
wider, in denen die Herzogin-Mutter Anna Amalia wohnte und