Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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die Heroen der großen Zeit zu Scherz und Ernst empfing, ver⸗ 
gleicht man sie etwa mit der Pracht, in der Anna Amalias 
Schwager, der Große Friedrich, sein Potsdamer Sanssouci er⸗ 
baut hatte. Nicht eine städtische Kultur erscheint somit in und 
durch Weimar dem Lande einverleibt, um es mit ihren feineren 
Reizen zu durchdringen: das Land war es vielmehr, die große 
Mutter alles Freien und Gewaltigen, das in Weimar noch in 
vollen Zügen sprach; und ihm unmittelbar entsprang jener 
Eindruck der Einheit von Geist und Natur, aus dem Herder 
wie vornehmlich Goethe schufen. 
Demgegenüber mochte Jena wohl als der bei weitem 
kultiviertere Ort erscheinen. Die Zeiten, da es bloß Ackerstadt 
gewesen war, lagen hinter ihm. Gewiß hatten die Bürger des 
Mittelalters in diesem herrlichen Winkel des Saaletales tapfer 
gerodet; die kahlen Kalkrücken der Umgebung, jetzt so wesentlich 
für die eigentümliche Schönheit des Ortes, trugen einst Wald 
und nach diesem Weinberge; und noch heute bezeichnen Steine 
mit eingemeißelter Traube die Grenzen der städtischen Flur. 
Aber schon seit dem 16. Jahrhundert war der Stadt ein 
neues Element einverleibt worden: die Universität. Sie blühte 
nur langsam empor; sie war ein Raub der geistig verheerenden 
Jahre lutherischer Polemik in der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗ 
hunderts wie der äußeren Verwüstungen des Dreißigjährigen 
Krieges; sie war von Anbeginn schlecht dotiert: gleichwohl hob 
sie den Charakter des Ortes. Während in dem kleinen Bezirke 
des alten Weimars nur wenige Häuser begegneten, die auf 
rein städtischen Beruf schließen ließen, während die Straßen 
dort bei aller Kleinräumigkeit des Ganzen behaglich breit waren, 
machte Altjena in dem engen Beringe seines ursprünglichen 
Umfanges einen anderen Eindruck: schmale Straßen, dicht 
aneinandergedrängte Häuser, drei Stockwerke und darüber: 
das Gehäuse einer Bevölkerung, die vielfach zur Miete wohnte 
und handwerklicher wie geistiger Beschäftigung nachging. Und 
schon früh hatte dieser alte Umfang der Stadt nicht mehr 
genügt: man war über Wall und Graben ins Freie gezogen, 
Vorstadthäuser mit Hof und Garten waren entstanden neben
	        
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