Neue Dichtung.
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seiner geistigen Umgebung war das Schicksal fast nur in Um—
setzung in äußere Handlungen erschienen. Dann hatte eine
entwickeltere Zeit eine Schicksalsidee entfaltet, die auch noch
vornehmlich auf äußeres, doch innerlich motiviertes Handeln
hinauslief. Jetzt sollte sich das Schicksal selbst der Hauptsache
nach in seelischen Bewegungen abspielen: und indem auf diese
Weise das Schicksal mit dem vollen Erringen einer neuen
Intensität des Seelenlebens und mit dem Empordringen eines
feiner abschattierten Sittenkodex weiter verinnerlicht wurde, ent⸗
stand aus dem Handlungsschauspiel das psychologische Drama.
Natürlich veränderte sich damit schon der äußere Anblick
der dramatischen Kunst. Der Dichter, der das Drama auf
Handlung begründet, bedarf eines Stoffes, einer Fabel, die
stark vorwärtsdrängende Leidenschaften entfesselt und, zumeist
auch durch Aufwendung vieler Personen, lärmende äußere Be⸗
wegung verursacht. Der Dichter des psychologischen Dramas
wird eine Fabel mit möglichst einfacher Handlung vorziehen, in
der nicht allzuviele Personen sich auf engem Raume in Gegen⸗
sätzen von möglichst vertiefter Darstellung zusammenfinden.
Auch die Schicksalsidee wandelt sich natürlich ab. Sie
muß nun durchaus immanent gefaßt werden, sie beruht nur
noch in der „entschiedenen Natur des Menschen, die sich in
gegebenen oder geforderten Umständen, die das Schicksal vor⸗
stellen, auslebt“. Dabei wird das Schicksal der Regel nach
durch ein einziges Ereignis in Bewegung gesetzt, worauf sich
alles gleichsam von selbst vollzieht; im „Egmont“ ist dies Er—
eignis Albas Ankunft, in der „Iphigenie“ das Erscheinen
Drests, im „Tasso“ die Krönung des Dichters — wonach kaum
noch gesagt zu werden braucht, daß von diesen drei Dramen
der „Tasso“ das innerlichste, in sich vollendetste ist. Den Aus⸗
gang aber der dramatischen Fabel bildet dann entweder Re—
signation, Sichbescheiden gegenüber dem ersten ausgreifenden
Streben, oder Sieg, oder aber, im Sinne einer Katastrophe,
innerlicher Zusammenbruch der Lebenskraft.
Für die Form des psychologischen Dramas endlich gilt,
daß fie bei ihrer inneren Geschlossenheit und der notwendiger—