Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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stellungskraft das größte Vergnügen gewähre: mithin die 
Aufgabe der Kunst die Erregung leidenschaftlicher angenehmer 
Gefühle sei. Dem Rationalismus gehörte diese Theorie also 
noch an, insofern sie die Kunstgesetze noch in den objektiven 
Formen des Kunstwerkes suchte; dem subjektiven Seelenleben 
aber suchte sie gerecht zu werden, indem sie das Verhalten des 
Künstlers und des genießenden Kunstfreundes zur Erklärung 
heranzog. 
Indes in weiter fortgeschrittenen Augenblicken des Ver— 
laufes trat doch das Wesen eines völlig Neuen immer mehr 
hervor; die Theorie suchte mit immer größerer Vorliebe die 
in die Form hinein verlegten subjektiven Momente auf und 
baute auf ihren Bestand vor allem den Charakter des Kunst⸗ 
werkes auf. Bei niemand tritt das deutlicher zutage, als bei 
dem größten Asthetiker dieser Entwicklungsstufe, bei Lessing. 
Aber daneben stellte doch schon eine weiter fortgeschrittene 
Asthetik, wenn auch noch im heftigen Kampfe mit dem Alten, 
das schaffende Vermögen des Künstlers als den eigentlichen 
—D 
Gegensatze zu der rationalistischen Betrachtung des Kunstwerkes 
als einer bloßen Nachahmung natürlicher Formen: und ent— 
wickelte daraus als erste ästhetische Aufgabe die Forderung, 
die Vorgänge in der Seele des Künstlers selbst zu begreifen. 
Es war der Weg von dem längst vorhandenen staunenden 
und liebevollen Kultus des Genies zu seiner Zergliederung; 
es war die Wendung, in der eigentlich erst die Ästhetik völlig 
subijektivistisch und völlig psychologisch zu werden begann. 
Deutlich tritt nach mancherlei Vorgängern diese neue Auf— 
fassung zuerst in Sulzers Allgemeiner Theorie der schönen 
Künste auf, die 1774 im Druck vollendet wurde. In ihr steht 
das vorstellende Subjekt durchaus im Vordergrund; aus seinem 
schaffenden Vermögen wird jetzt eine Asthetik abgeleitet von 
viel eingehenderem Aufbau des einzelnen, als sie verwandte 
frühere Versuche der Engländer und der Franzosen, eines 
Young, Shaftesbury, Dubos, erreicht hatten. 
Sulzer geht, teilweise an Gedanken des Leibnizschen Ideen⸗
	        
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