Neue Weltanschauung.
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stellungskraft das größte Vergnügen gewähre: mithin die
Aufgabe der Kunst die Erregung leidenschaftlicher angenehmer
Gefühle sei. Dem Rationalismus gehörte diese Theorie also
noch an, insofern sie die Kunstgesetze noch in den objektiven
Formen des Kunstwerkes suchte; dem subjektiven Seelenleben
aber suchte sie gerecht zu werden, indem sie das Verhalten des
Künstlers und des genießenden Kunstfreundes zur Erklärung
heranzog.
Indes in weiter fortgeschrittenen Augenblicken des Ver—
laufes trat doch das Wesen eines völlig Neuen immer mehr
hervor; die Theorie suchte mit immer größerer Vorliebe die
in die Form hinein verlegten subjektiven Momente auf und
baute auf ihren Bestand vor allem den Charakter des Kunst⸗
werkes auf. Bei niemand tritt das deutlicher zutage, als bei
dem größten Asthetiker dieser Entwicklungsstufe, bei Lessing.
Aber daneben stellte doch schon eine weiter fortgeschrittene
Asthetik, wenn auch noch im heftigen Kampfe mit dem Alten,
das schaffende Vermögen des Künstlers als den eigentlichen
—D
Gegensatze zu der rationalistischen Betrachtung des Kunstwerkes
als einer bloßen Nachahmung natürlicher Formen: und ent—
wickelte daraus als erste ästhetische Aufgabe die Forderung,
die Vorgänge in der Seele des Künstlers selbst zu begreifen.
Es war der Weg von dem längst vorhandenen staunenden
und liebevollen Kultus des Genies zu seiner Zergliederung;
es war die Wendung, in der eigentlich erst die Ästhetik völlig
subijektivistisch und völlig psychologisch zu werden begann.
Deutlich tritt nach mancherlei Vorgängern diese neue Auf—
fassung zuerst in Sulzers Allgemeiner Theorie der schönen
Künste auf, die 1774 im Druck vollendet wurde. In ihr steht
das vorstellende Subjekt durchaus im Vordergrund; aus seinem
schaffenden Vermögen wird jetzt eine Asthetik abgeleitet von
viel eingehenderem Aufbau des einzelnen, als sie verwandte
frühere Versuche der Engländer und der Franzosen, eines
Young, Shaftesbury, Dubos, erreicht hatten.
Sulzer geht, teilweise an Gedanken des Leibnizschen Ideen⸗