Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Norden: mit welchen Gefühlen ist er eines Nachmittags über 
die große Mainbrücke, den Lieblingsweg Goethes, in Frankfurt 
eingezogen! Die Gestalten von „Kabale und Liebe“ begannen 
zu reifen, unter unzweifelhaft württembergischem Kolorit. 
Retten aber sollte in der schon halb verzweifelten Lage der 
„Fiesco“, der in Mannheim zunächst abgelehnt worden war. 
Er wurde in einem kleinen Neste bei Mannheim umgearbeitet — 
und wieder abgelehnt! Da verkaufte der Dichter das unglück⸗ 
selige Manuskript für 113/2 Louisdor (etwa 195 Mark) an 
den Buchhandel — längst nicht genug, um seine Schulden 
abzutragen — und verfiel auf lange der Mildtätigkeit der 
Freunde. 
Zunächst barg er sein Dasein in dem erbärmlichen Herren— 
hause eines von düsteren Föhrenwäldern umgebenen Dorfes 
im Meiningenschen, Bauerbach, wo ihm eine Stuttgarter Be— 
kanntschaft, Frau von Wolzogen, ein Asyl bot. Hier, an dem 
für einen Dramatiker, der Menschenkenner sein soll, ungünstigsten 
Orte, entstanden „Kabale und Liebe“ wie der Anfang des 
„Don Carlos“; von hier, wo er fühlte, „daß das Genie, 
wenn nicht unterdrückt, doch entsetzlich zurückwachsen, zusammen⸗ 
schrumpfen kann, wenn ihm der Stoß von außen fehlt,“ wurde 
er schließlich doch noch vertrieben durch eine unglückliche Liebe 
zur Tochter seiner Gönnerin, Charlotte. 
Nun folgte, vom September 1788 ab, ein Jahr drama— 
turgischer Stellung am Mannheimer Theater, das mit Nicht— 
wiederanstellung, ja mit Verhöhnung des Theaterdichters von 
offener Bühne herab abschloß. Und wenn das alles gewesen 
wäre! Als Schiller seine Stellung antrat, war die Stadt 
voller Kranker gewesen, die an einer „gallichten Seuche“ 
litten; Schiller war selbst erkrankt und hat hier den Grund 
zu seinem späteren Lungenleiden gelegt; dazu unglückliche 
Liebeleien und Schulden, Schulden, die nun auch ein Zer— 
würfnis mit dem Vater brachten — und auf des Lebens Licht⸗ 
seite ein einziger starker theatralischer Erfolg mit „Kabale und 
Liebe“, sowie eine erste wirkliche Liebesleidenschaft mit Char⸗ 
lotte von Kalb, die „ängstigte und entzückte“, um in halber
	        
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