Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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be 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
Welt in innerem Zusammenhang. Vor allem hatte er Sturm 
und Drang noch zu überwinden. Gewiß hatte ihn Charlotte 
von Kalb wie nicht minder sein Verkehr in der Deutschen 
Gesellschaft zu Mannheim bereits auf die Franzosen verwiesen; 
und die Formen der tragédie classique wirkten schon im 
„Don Carlos“ mäßigend ein. Auch an antiken Einflüssen hatte 
es nicht gefehlt. Der Antikensaal in Mannheim, dessen Be— 
such schon Lessing, Herder und Goethe so vieles verdankten, 
hatte ihm offengestanden, und auch er hatte in der Plastik 
Griechenlands die „reinste Harmonie aller Teile zu einem un⸗— 
nachahmlichen Ganzen“ entdeckt. 
Aber es waren doch mehr Eindrücke von außen gewesen. 
Jetzt ging er selbst auf die Eroberung der Welt aus, um sie 
zu beherrschen. Und wie es Goethe in diesem Zusammen— 
hange unbewußt fast zur Natur getrieben hatte, so trieb es 
Schiller bewußt zur Geschichte; und wo Goethe hatte reisen 
dürfen, da versenkte sich Schiller in die Wunder völkerkund— 
licher Berichte. Doch vor allem die große Persönlichkeit fesselte 
ihn: und so wurde er am niederländischen Aufstande und am 
Dreißigjährigen Kriege, der „Epoche des höchsten Nationen— 
elends“ und „der glänzendsten Epoche“ zugleich „menschlicher 
Kraft“ zum Historiker; Rousseaus Ideale verschwanden ihm 
vor denen Montesquieus. 
Aber mit den historischen kamen auch die philosophischen 
JInteressen. Während der Dichter in den „Philosophischen 
Briefen“ von 1786 seine Weltanschauung zu einem ersten 
System zusammenschloß!, ergoß sich diese zugleich künstlerisch 
in die grübelnde Psychologie sonderbarer Erzählungen: so ent— 
standen der „Geisterseher“ und der „Verbrecher aus verlorener 
Ehre“, dieser ein abgerundetes novellistisches Gegenstück zu den 
„Räubern“, jener niemals vollendet und von Schiller, dem 
die Behaglichkeit des Erzählens abging, bald darauf als „sünd— 
licher Zeitaufwand“, ja als „Farce“ und „Schmiererei“ gebrand— 
markt. 
S. oben S. 399.
	        
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