Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Vollendete nun Dresden und Leipzig mit alledem den 
Prozeß innerer Durchbildung, dessen der Dichter bedurfte? 
Schon die innere und äußere Unruhe, in der sich Schiller 
schließlich doch wieder bewegte, zeigte ihm, wie viel noch zu 
tun blieb. Dazu die materielle Abhängigkeit von seinen 
Freunden — trotz zahlreicher Aufführungen seiner Dramen, 
deren Gewinne ihm auch nicht zu bescheidenem Anteil zufielen! 
Er schloß den „Don Carlos“ ab, ein Zeugnis erreichter Höhe, 
riß sich dann aber los und ging in der Absicht, sich ganz zu 
oerselbständigen, nach Weimar. 
Im JZuli 1787, während Goethe in Italien weilte, traf 
er dort ein, zwölf Jahre nach Goethe: und unter dem freund— 
lichen Anteil von Herder und Wieland begann für ihn eine 
noch emsigere, teilweise auch in Jena fortgesetzte Zeit histo⸗ 
rischer Studien; Goethe erzählt von etwas späterer Zeit, er 
habe sich oft acht Tage lang eingeschlossen und sich von keiner 
Seele sprechen lassen: „Abends um acht stand noch sein Mittag⸗ 
essen vor seinem Schreibpult.“ Aber es gelang ihm. Durch 
Schriftstellerei machte er sich, zumeist mit Hilfe Wielands, 
materiell leidlich selbständig. Die Geschichte erschien ihm dabei 
als ein Feld, auf dem alle seine Kräfte ins Spiel kämen, 
ohne daß er immer aus sich selbst zu schöpfen brauche. Ein 
Gefühl unendlicher Befriedigung überkam den Ruhelosen und 
mündete aus in einen glückseligen Brautstand. Schon im Juni 
1784 hatte er Charlotte von Lengefeld flüchtig kennen ge⸗ 
lernt; lang hat er um sie geworben, lang dauerte eine heim⸗ 
liche Vertrautheit. Aber in diesen Tagen, Monaten, Jahren 
fand Schiller „seinen Genius wieder“; und als seine Studien 
ihm unter Vermittlung Goethes einen neuen Beruf, eine 
Geschichtsprofessir an der Jenaer Universität als Mitgift 
seines Fleißes eingebracht hatten, führte er die Braut heim, 
Februar 1790. Es waren die glücklichsten Zeiten seines Lebens, 
wenn er auch schon hüstelte und 1791 ein erster schwerer, 
lebensgefährlicher Anfall seiner Krankheit eintrat. Denn Char— 
lotte war ihmn, was Frau von Stein Goethe gewesen war, 
uind sie ward ihm noch weit mehr als Gattin und Mutter 
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