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Zweiundzwanzigstes Buch.
von vier blühenden Kindern. „Mein Dasein ist in eine harmo—
nische Gleichheit gerückt; nicht leidenschaftlich gespannt, aber
ruhig und hell gehen mir diese Tage dahin,“ konnte er von
sich schreiben. Und mit Wonne nahm er es wahr: „es kleidet
sich wieder um mich herum in dichterische Gestalten, und oft
regt sich's wieder in meiner Brust.“
Doch bevor der Dichter dem Genius von neuem folgte,
vollendete er seine Selbsterziehung. Schon seit 1788 läßt sich
hei ihm, nicht zum wenigsten unter dem Einflusse von Goethes
„Iphigenie“, eine weit entschiedenere Hinwendung zur Antike
wahrnehmen; in diesem Jahre bereits sind die „Götter Griechen—
lands“ entstanden:
Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Jetzt trat dazu, während aus der Antike namentlich die
Tragiker zu wirken begannen, unter Kants Einfluß eine letzte
philosophische Abrundung; und wir wissen schon, daß sich ihr
rin Schönheitsbegriff zu entringen begann, der die Typen⸗—
auffassung Goethes in sich aufnahm, wie er die Sittlichkeits—
lehre Kants umschloß!. Es war die Vollendung; — der Boden
war geebnet, der Grund fruchtbar bestellt für eine höchste
Produktion im Sinne des klassischen Subjektivismus. Und
mehr fast noch: Schiller reifte der Zeit entgegen, da er Goethe
nicht nur zur Seite treten, da er ihm auch innerlich fördernd
der wahrste aller Freunde werden sollte.
5. Erst im Jahre 1794, vermutlich am 14. Juli, haben
sich Goethe und Schiller gefunden; fünf bis sechs Jahre, nach—
dem sie auf Thüringer Boden, eng benachbart, nebeneinander
hergeschritten waren. Aber in fast gänzlich wandellosem Ver—
trauen hat dann ihr gegenseitiges Verhältnis fortgewährt über
ein Jahrzehnt bis zu Schillers vorzeitigem Tode.
Wie oft sind nicht die vielfachen Umschläge erzählt
worden, die lange Zeit hindurch immer wieder eine An—
S. oben S. 408 ff.