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Zweiundzwanzigstes Buch.
Doch den schwachen Körper regierte eine Feuerseele; und
aus der geistigen Tätigkeit der Dichter im Jahrzehnt ihrer
Freundschaft würde die Krankheit Schillers schwerlich zu er—
schließen sein.
Aber eben hier, im Brennpunkt ihres Wesens, ergab sich
wiederum das merkwürdigste, auf entscheidenden Gegensätzen
heruhende Ineinandergreifen ihrer Naturen.
Goethe war in tiefster Seele auf die Anschauungskraft
fundamentiert; und daher war sein grundlegender Instinkt der
Trieb zu formen. Dazu bedurfte er aber nur der eigenen
Welt, und so war Beschaulichkeit und Milde gegen andere, in
Stunden des Schwankens nicht selten ein läßlicher Quietismus
sein Los. Den Willen als etwas der Erscheinungswelt Ent—
zegengesetztes kannte er nur wenig:
Da ist's denn wieder, wie die Sterne wollten,
Bedingung und Gesetz, und aller Wille
Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten.
Darum wartete er ruhig ab, was ihm das Schicksal bieten,
ob es ihm drohen oder winken werde. Und selbst die früh
gemachte Erfahrung, daß sich niemand mit sich selbst und mit
anderen unverworren erhalten könne, brachte ihn nicht aus
dem Gleichgewicht genießender Beschaulichkeit, für dessen Be—
stand er alle Kräfte seines Strebens nach außen und seiner
Selbsterziehung aufwandte: so daß es ihm der Regel nach
gelang, drohende Konflikte an den Grenzen seines Wesens auf—⸗
zuhalten und auszufechten. So hätte man im biblischen Sinne
von ihm sagen können, daß sein Leben verborgen war in Gott,
und selbst in Zufälligkeiten und Einzelheiten, in seiner Vor⸗
liebe zur Maskierung, zum Inkognito, in seiner Kunst, um⸗
fassende Ansichten unter einem einzigen unauffälligen Worte, ja
sogar sich selbst gelegentlich in Unauffälligkeit zu bergen, drückt
sich immer wieder diese Elementaranlage seiner Seele aus.
Wie ganz anders war des Freundes Temperament! Schiller
war von rastlos vorwärtsjagenden, ja sich überstürzenden Trieben;
noch 1799, schon todkrank, kam er sich nach Beendigung der
Wallenstein⸗Trilogie, da er nicht alsbald einen neuen Plan durch⸗