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weiundzwanzigstes Buch.
Goethe innerlichst zwischen den Berufen des Dichters und
Malers, Schiller zwischen denen des Dichters und Predigers
geschwankt hat: anschauliche Dichtung lautete die Losung
Goethes, Schillers dagegen phantasievolle Dichtung von rheto—
rischer Färbung. Goethe fand deshalb seine Stoffe, ohne sie
zu suchen. Er war glücklich über den Besuch der Muse, aber er
iud sie kaum ein. Er bildete seine Gestalten von außen nach
innen; er erlebte das Gedicht so lange, bis es kreiste; und
dann erfolgte mühelos die Geburt. Darum dichtete er am
liebsten morgens, nach erquickendem Schlafe, der die Gestaltung
der Bilder vorgeschaffen hatte, und Verszeilen und Verse fielen
in vollendeter Rundheit wie Perlen von seinen Lippen. Dabei
wandelte seine Sprache ruhig dahin, lieber geschwätzig als ab—
gerissen, niemals getrübt und undurchsichtig. Schiller dagegen
fühlte die Begeisterung als einen unbestimmten Drang zur
Schöpfung, Musik, selbst einfaches Spiel Lottens auf dem
Spinett löste ihn aus, und die Abend- und Nachtstunden waren
seinem Schaffen die liebsten Gefährten. Erst aus dieser sub—
jektiven Empfindung heraus suchte er dann nach Stoffen, die
geeignet waren, den Schaffensdrang in sich aufzunehmen und
zu verkörpern. So hat er den Sazß aufstellen können, daß alle
Geburten unserer Phantasie zuletzt nur wir selbst seien, da in
unserer Seele alle Charaktere nach den Urstoffen schliefen. Und
seine Phantasie arbeitete unter diesen Bedingungen so kräftig,
daß sie sinnlich niemals Geschautes realistisch zu verlebendigen
wußte: so erstaunlich schon in dem Jugendgedichte „Die
Schlacht“, so vollendet an der Neige seines Lebens in den
Schweizerszenen des „Tell“. Aber diese überströmende Phantasie
arbeitete nicht ruhig, sondern stoßweise. Dem Befehl eines
herrischen Willens unterstellt, werde sie gleichsam als Sklave
tätig, und ihre Erzeugnisse blieben deshalb nicht frei von
Schlacken. Wie oft hat darum Schiller auch an der Form
seiner Schöpfungen im weiteren Sinne geändert, und selbst
im einzelnen sind die Manuskripte seiner Gedichte voll von
Streichungen und Korrekturen.
Sind das scheinbar äußerliche Beiträge zur Psychologie