Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

538 
weiundzwanzigstes Buch. 
Goethe innerlichst zwischen den Berufen des Dichters und 
Malers, Schiller zwischen denen des Dichters und Predigers 
geschwankt hat: anschauliche Dichtung lautete die Losung 
Goethes, Schillers dagegen phantasievolle Dichtung von rheto— 
rischer Färbung. Goethe fand deshalb seine Stoffe, ohne sie 
zu suchen. Er war glücklich über den Besuch der Muse, aber er 
iud sie kaum ein. Er bildete seine Gestalten von außen nach 
innen; er erlebte das Gedicht so lange, bis es kreiste; und 
dann erfolgte mühelos die Geburt. Darum dichtete er am 
liebsten morgens, nach erquickendem Schlafe, der die Gestaltung 
der Bilder vorgeschaffen hatte, und Verszeilen und Verse fielen 
in vollendeter Rundheit wie Perlen von seinen Lippen. Dabei 
wandelte seine Sprache ruhig dahin, lieber geschwätzig als ab— 
gerissen, niemals getrübt und undurchsichtig. Schiller dagegen 
fühlte die Begeisterung als einen unbestimmten Drang zur 
Schöpfung, Musik, selbst einfaches Spiel Lottens auf dem 
Spinett löste ihn aus, und die Abend- und Nachtstunden waren 
seinem Schaffen die liebsten Gefährten. Erst aus dieser sub— 
jektiven Empfindung heraus suchte er dann nach Stoffen, die 
geeignet waren, den Schaffensdrang in sich aufzunehmen und 
zu verkörpern. So hat er den Sazß aufstellen können, daß alle 
Geburten unserer Phantasie zuletzt nur wir selbst seien, da in 
unserer Seele alle Charaktere nach den Urstoffen schliefen. Und 
seine Phantasie arbeitete unter diesen Bedingungen so kräftig, 
daß sie sinnlich niemals Geschautes realistisch zu verlebendigen 
wußte: so erstaunlich schon in dem Jugendgedichte „Die 
Schlacht“, so vollendet an der Neige seines Lebens in den 
Schweizerszenen des „Tell“. Aber diese überströmende Phantasie 
arbeitete nicht ruhig, sondern stoßweise. Dem Befehl eines 
herrischen Willens unterstellt, werde sie gleichsam als Sklave 
tätig, und ihre Erzeugnisse blieben deshalb nicht frei von 
Schlacken. Wie oft hat darum Schiller auch an der Form 
seiner Schöpfungen im weiteren Sinne geändert, und selbst 
im einzelnen sind die Manuskripte seiner Gedichte voll von 
Streichungen und Korrekturen. 
Sind das scheinbar äußerliche Beiträge zur Psychologie
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.