Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch.

Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisierende Kunst
Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, viellejcht
ganz überflüssig gemacht worden. Schon in die erste An—
schauung der Dinge hätten Sie dann die Form des Not—
wendigen aufgenommen, und mit Ihren ersten Erfahrungen
hätte sich der große Stil in Ihnen entwickelt.“ Es ist die
erste klare Darstellung des Kerns der Goetheschen Natur—
philosophie, wie wir sie schon früher kennen gelernt haben!:
Goethe selbst hat es anerkannt; in Schillers Worten fand er
mit freundschaftlicher Hand die Summe seines Seins gezogen.
Und der Mann, der Goethes Innere so zu erschließen ver—
stand, sollte seinen Anschauungen so gänzlich fern gestanden
haben? Eben in der Vorstellung von einem Idealen hinter
der Welt der Erscheinungen trafen sich die Dichter, mochte
diese Vorstellung auch bei Goethe mehr als eine triebmäßig
hharakterisierte aus der Natur, bei Schiller als eine mehr
willensmäßig gedachte aus der Geschichte abgeleitet sein. Und
mehr. Wir wissen bereits?: eben von dieser Vorstellung aus
waren beide schon in den ersten Jahren ihrer Freundschaft
einig darin, daß sie noch nicht ein Letztes bedeute. Für beide
vielmehr erhob sich über der Welt der Erscheinungen und über
der Welt der Gedanken diese beherrschend eine dritte Welt,
in der sie beide letztlich lebten: „das dritte Idealische,“ wie
es Schiller einmal ausgedrückt hat, „was Natur und Kunst
zuletzt zusammenknüpft.“ Vor ihm, vor dem Reiche des ein⸗
fach Schönen, in der letzten Harmonie, verschwanden schließlich
die Unterschiede des naiven und des sentimentalischen Dichters,
verschmolzen auch die Abweichungen beider Freunde in Tempera⸗—
ment und Charakter, in Weltanschauung und Dichtung. Und
nicht als ob damit eine schwächliche Transfusion beider ein—
getreten wäre. Sie blieben im Kerne, was sie waren, aber
uͤber ihnen leuchtete als Stern glücklicher Zukunft die stetige
Möglichkeit des innersten Verständnisses: und aus ihr erstand

1S. oben S. 381 ff.
2 S. oben S. 407.
            
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